Interview #2

Sechs Fragen an den Regisseur Atif Hussein

Was faszinierte Dich an diesem Themenkomplex – antike Tragödie – und gab den Auslöser oder entscheidenden Ansatz, Dich in eine Inszenierung dazu zu wagen?

Die Konflikte, die entstehen, wenn ein Individuum sich  gemeinschaftlich verhalten muß, wenn es mit seiner Außenwelt in Kontakt tritt, sind in den durch die frühe griechische Kultur entstandenen Sagen und Mythen so klar beschrieben, daß sie auch heute, dreitausend Jahre später, nichts von ihrer exemplarischen Kraft verloren haben. Schon in den ersten Schöpfungsmythen erscheinen uns Titanen und Götter quasi als Menschen. In der griechischen Kultur maß man offensichtlich alles mit menschlichem Maß. Der Olymp war kein unbekannter, weltfremder Ort. Er war der Ausgangspunkt allen menschlichen Lebens auf der Erde. Interessanterweise bildeten sich die ersten Heroen-Mythen heraus als direkte Auseinandersetzung zwischen Göttern und Menschen. Immer wieder gelang es Menschen, Götter zu beeinflussen, ihr Schicksal mitzubestimmen. Der Glaube an die von Göttern verhängte Schicksalhaftigkeit des menschlichen Lebens und Tun ist meiner Meinung nach eine Interpretation neuerer Zeit. Denn in den griechischen Tragödien, die viele der alten Mythen als Vorlage für ihre politische Pädagogik nutzten, handeln die Protagonisten ständig gegen ihr sogenanntes Schicksal, das bedeutet, sie glauben nicht an dessen Unumstößlichkeit. Daß die tragischen Helden dennoch alle scheitern, liegt nicht an der Macht des Schicksals, der man nicht entrinnen kann, sondern es ist ein Scheitern an sich selbst, wenn man nicht in der Lage ist, seinen beständigen Drang zu Handeln, der ein beständiger Drang nach Leben ist, mit dem Drang der anderen nach Leben zu koordinieren. Diese Konflikte offenzulegen in großen poetischen und dramatischen Entwürfen, ist für mich der größte Schatz, den antike dramatische Literatur birgt.

Was ist ein Tyrann für Dich?

Ein Tyrann ist ein Mensch, dem es nicht mehr gelingt, seinen Standpunkt zu kommunizieren. In seinem verzweifelten Versuch nach Selbstverwirklichung gibt er jede Relation und jede Relevanz auf. Er hat sich und seine Umwelt völlig aus dem Blick verloren. Er ist blind. Tyrannei ist für mich nicht an Machtpositionen gebunden. Jeder, dem es nicht mehr gelingt, Argumente für seinen Standpunkt zu finden, und trotzdem mit aller ihm zur Verfügung stehenden Gewalt seinen Weg gehen will, ist ein Tyrann.

Kannst Du anhand einer oder zwei Figuren die Stadien beschreiben, in denen sich die Figuren für Dich – über Lesen, Schreiben, Entwerfen, Puppen-Bauen und Proben – entwickelt haben?

Antigone ist meine Lieblingsfigur. Schon vor Jahren, als ich das erste Mal mit ihr konfrontiert wurde, entwickelte ich eine fast körperliche Zuneigung zu ihr. Vielleicht, weil ihr Wesen mir das fremdeste ist. Ihre aus tiefempfundener Pietät geborene Bereitschaft zur Selbstaufgabe hat mich beeindruckt. Eine Figur wie Antigone zu erfinden, deren einziger Sinn aus Liebe zu bestehen scheint und für deren Durchsetzung sie den eigenen Tod in Betracht zieht, erscheint mir gleichermaßen modern wie archaisch. Sophokles’ Tragödie „Antigone“ brachte mich zu den anderen Tragikern und deren Werken. Auffallend waren für mich die wiederkehrenden Muster, nicht nur in ihrer äußeren Form, sondern auch in ihren inhaltlichen Auseinandersetzungen. Es mußte also eine Dringlichkeit in der Beschäftigung mit diesen Stoffen bestehen, der die Autoren veranlaßte, sich immer wieder die gleichen oder zumindest ähnlichen Fragen zu stellen. Die Möglichkeit, eine Inszenierung entstehen zu lassen, in der die verschiedenen Abschnitte einer Familiengeschichte miteinander verknüpft werden und somit dieses wiederkehrende Muster deutlich wird, war die Herausforderung, mir eine eigene, aus verschiedenen Tragödien bestehende Handlung aufzubauen. Obwohl der Part der Antigone vergleichsweise klein ist, bleibt sie mein Kern. Ihr Wesen, das so reduziert auf ein Gefühl zu sein scheint, wurde das Maß, nach dem sich alle anderen Figuren richten mußten. Über das Aussehen der Puppe, die Antigone sein soll, nachdenkend, entstand die Idee, Kreaturen zu bauen, die sowohl Menschen als auch Tiere sind. Sie sollten eine animalische Kraft haben. Eine Eindeutigkeit, die uns möglicherweise in unserem postmodernen Leben, dem ständigen Ringen um Entscheidungen für das „Richtige“ verloren gegangen ist. Entstanden sind auf der Bühne Figuren, die beständig zwischen Extremen pendeln. Es gibt kaum Grautöne.

Worin bestand die “böseste” und worin bestand die erfreulichste Überraschung während der Proben?

Eine wirklich böse Überraschung gab es in der Rückschau nicht. Wir legen ja eine Inszenierung vor. Das heißt, eine böse Überraschung hätte es sicher gegeben, wenn ich nach etwa einjähriger Vorbereitungszeit gescheitert wäre und es nichts Bleibendes geben würde. Am erfreulichsten war sicherlich, wie sich alle an der Inszenierung Beteiligten durch den Sumpf der Unwägbarkeiten gewagt haben. Das klingt sehr allgemein. Es ist aber im Detail überraschend, wie ein für eine Inszenierung gewähltes Thema, die Art und Weise der Arbeit jedes Einzelnen beeinflußt.

Worin, glaubst Du, besteht der große Unterschied einer Puppentheaterinszenierung zu einer Schauspielinszenierung? Was bewirken die Puppen auf der Bühne?

Der Unterschied besteht darin, daß das theatrale Subjekt in Schauspiel- und Puppenspielinszenierungen ein anderes ist. In Schauspielinszenierungen ist es immer der Mensch, der Spieler, der das theatrale Subjekt ist. Alles fokussiert sich auf ihn. Im Puppentheater besteht die Möglichkeit, sich als Darsteller von seinem theatralen Subjekt zu entfernen. Der Fokus liegt eigentlich auf einem Objekt. Der Darsteller im Puppentheater wird massiver von außen beeinflußt als das bei einem Schauspieler der Fall ist. Natürlich ist ein Schauspieler auf der Bühne kein privater Mensch, aber eine Puppe bleibt eine Puppe, egal, wer wie mit ihr spielt. Das bedeutet, ich kann bereits beim Bau der Puppe einen Großteil des Wesens in die Figur legen, die nachher auf der Bühne entstehen wird. Und es bleibt das vielbeschriebene Wunder der Animation. Wir sehen ein scheinbar totes Ding, das zum Leben erweckt wird. Das ist ein magischer Moment, den jeder erlebt hat, der jemals ein Puppentheater betreten hat und einer Aufführung beiwohnte.

Wie stellst du Dir einen Tag Deines Lebens im antiken Athen vor?

Ich stehe am Morgen des ersten Tages des Agons (dem dreitägigen Theaterwettbewerb des klassischen Zeitalters) auf. Da ich zur bürgerlichen Elite der Stadt gehöre, ist für mich in meinem Haus bereits ein Bad vorbereitet. Nach dem Bad werde ich eingeölt und gekleidet. Mein Gewand wird in die vorgeschriebenen Falten gelegt. Ein leichtes Frühstück steht bereit. Bevor ich das Haus verlasse, gebe ich Anweisungen für das Abendessen. Ich werde Freunde vom Theater mit in mein Haus bringen. Ich küsse meine Frau, die nicht mit zum Theater kommen wird, da das eine Veranstaltung des öffentlichen Lebens ist, die einzig den freien Männern der Stadt vorbehalten ist. Und ich küsse meine Kinder. Unterwegs zum Theater kaufe ich verdünnten Wein, Käse und Obst für die Pausen zwischen den vier Aufführungen. Im Theater wähle ich einen Platz sehr weit hinten, obwohl ich mir der Tatsache bewußt bin, daß das nicht ganz meinem Stand entspricht. Aber in den letzten Jahren ist mir aufgefallen, daß eine größere Distanz zum Bühnengeschehen meiner Konzentration gut tut. Und der direktere Kontakt zur, etwas geschmähten, Unterschicht läßt mich den Bezug zum Leben in unserer Stadt nicht verlieren. Wir sind sehr elitär und überheblich geworden. Nach den endlosen offiziellen Zeremonien, die den Beginn des Agons bestimmen und der irritierenderweise bei meinen Banknachbarn soviel Begeisterung auslöst, freue ich mich auf den Einzug des Chors. Der Anblick ist überwältigend. Die Kostüme sind heute von viel größerer Leuchtkraft und die Masken von soviel stärkerer Expressivität als im vergangen Jahr. Zum Beginn des zweiten Stasimons schlafe ich gewöhnlich ein. Es wird auch heute kein Verlust sein, da Rede und Gegenrede des dritten Abschnitts ohnehin über die eigentliche, bleibende Wirkung des Tages bestimmen werden. Das Satyrspiel zum Ende des Tages ist ein Feuerwerk aus Ideen und Esprit. Ich bin mir sicher, das dieser neue junge Dichter, Sophokles soll er heißen, dieses Jahr das Rennen machen wird. Aischylos wird furchtbar sauer sein. Er wird wohl die Stadt verlassen. Seine Tetralogie wird erst morgen aufgeführt. Aber ich denke, seine Zeit ist vorbei. Ich werde sicherlich nicht umhin können, diesen schrecklich schwatzhaften, obgleich äußerlich reizvollen, Euripides mit einladen zu müssen. Er schreibt angeblich auch. Aber bisher ist keines seiner Werke zum Agon zugelassen worden. Mein Sohn mag ihn. Er wird zu unserer Erheiterung beim Abendessen beitragen. Obwohl, wenn er anfängt zu singen, dann schmeiße ich ihn raus. Es ist dieses Jahr wieder sehr heiß in der Stadt.

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Tyrannen

Auf das Puppenspiel “Tyrannen”

 

Die Menschen an den Puppen ordnen sich

zu dieser Schlacht ans Ende der Figuren.

Auf schmalem Steg, von dem nicht einer wich,

türmen sich ihre unsichtbaren Spuren.

Erst Ödipus, Kreon, Antigone,

dann Teiresias – gehen mit dem Schicksal auf

und unter. Abgeschossen wie ein Reh

auf planer Lichtung, kommt herauf

ein zweites Mal: Ismene, doch man sieht sie nicht:

Die Spielerin, keuchend im Bühnenlicht,

sie steht, als wär es wichtig dazusein,

im Rücken all die Spieler aufzureihn,

das Leben – Skizze, wie aus halbbehaunen Steinen.

Die Puppe zappelt jetzt in unsern Beinen.

Ralf Meyer

Die großen Dionysien

Das hölzerne Bild des Gottes Dionysos wurde feierlich in die Stadt geholt, eine Prozession fand statt, eine stattliche Menge von Tieren wurde geopfert, das Fleisch in großen Banketten an die Bürger verteilt. Es gab einen Wettkampf von Chören. Vier Tage waren für dramatische Vorführungen reserviert, drei davon für Tragödien, einer für Komödien; an jedem der drei Tage führte man zuerst drei Dramen je eines Dichters auf, danach folgte ein Satyrspiel; am vierten Tag folgte jeweils eine Komödie. Die zur Aufführung gebrachten Werke unterlagen einer regelrechten politischen Kontrolle: Die Dichter reichten ein knappes Jahr vorher ihre Texte beim obersten Archon ein; der entschied, welche drei Tragödiendichter ihre Stücke aufführen durften. Diesen wurde ein “Chorege” zugewiesen, d.h. ein reicher Bürger, der die Chöre und die Schauspieler ausstattete und die Kosten für die Proben und die Aufführung übernahm. Siegte ein Dichter beim Wettkampf, dann siegte sein “Chorege” stets mit. Über die Bewertung der Tragödien ließ man in Athen nicht das Publikum abstimmen, wie das in Sizilien der Fall gewesen zu sein scheint. Der Rat der Fünfhundert erstellte eine Namensliste; aus dieser wurde die Jury ausgelost, und zwar so spät wie möglich, um Beeinflussungen zu vermeiden. Man kann hochrechnen, daß in Athen im 5. Jahrhundert v. Chr. über tausend Tragödien produziert wurden.

Das rituelle Ensemble, in dem die Aufführungen stattfanden, setzte zusätzliche Akzente, die den Bürgern signalisierten, was im Zentrum der nun folgenden Stücke stand: In das mit etwa siebzehntausend athenischen Bürgern gefüllte Theater (…) zogen die soeben erwachsenen Kriegswaisen feierlich ins Theater ein, in Waffen und voller Rüstung, die ihnen von der Stadt übergeben wurden. Ein Herold stellte sie vor: “Diese jungen Männer, deren Väter als tapfere Männer gefallen sind, sind auf Kosten des Volkes bis zur Volljährigkeit aufgezogen worden; nun hat das Volk sie mit der Rüstung ausgestattet und entläßt sie mit allen guten Wünschen aus seiner Obhut.” Dann wies er ihnen gesonderte Ehrensitze an.

Egon Flaig

Eiliges Entscheiden: ein Dilemma der athenischen Politik

In der athenischen Politik war Schnelligkeit gefragt. Das hatte zwei Gründe: Zum einen funktionierte die athenische Politik ohne Parteien. Die wichtigsten Entscheidungen wurden nicht von einer Regierung getroffen; es gab in unserem Sinne gar keine “Regierung”. Die wichtigsten Entscheidungen wurden allesamt in der Volksversammlung beschlossen. Zum anderen mußten die politisch aktiven athenischen Adligen vor der Volksversammlung reden, Vorschläge einbringen, die Bürger davon überzeugen, daß ihr Vorschlag besser war als andere. Sie mußten dann bei der Abstimmung über die Anträge die Mehrheit der Stimmen gewinnen. Sie mußten immer darauf pochen, daß ihr Antrag “zum Besten der Stadt” ist. Diese Politiker wurden nicht unterstützt von Parteien, sondern nur von ihren “Freunden”. Wenn sie sich profilieren wollten, um sich etwa zum Strategen wählen zu lassen – jedes Jahr wurden 10 Strategen gewählt -, dann mußten sie ständig präsent sein, immer wieder überzeugende Reden halten und “gute” Anträge stellen. Viele Anträge wurden in derselben Sache gestellt, und eine scharfe Konkurrenz herrschte zwischen den Antragstellern. Die Abstimmung am Abschluß entschied jedesmal, wer den “Sieg” davontrug, wer diesmal mehr Ruhm und Ansehen gewann als seine Konkurrenten. In diesem politischen Feld bildete sich rasch ein “Habitus” der Politiker heraus: Sie mußten schnell auf Situationen reagieren, nicht nur auf außenpolitische – die brisantesten politischen Themen waren immer außenpolitische -, sondern auch auf neue Argumente, welche ihre Gegner in die Debatte einbrachten. Das hatte zur Folge, daß sich die Willensbildungsprozesse außerordentlich beschleunigten – in einem Maß, daß für andere griechische Städte unbekannt, unbegreiflich und sogar unheimlich war. Die Bürgerschaft neigte dazu, diejenigen Politiker zu bewundern, deren Vorschläge zu Erfolgen führten. Ehrgeizige Politiker, die man keineswegs abwertend “Demagogen” (Volksführer) nannte, standen aber unter dem Druck, nicht nur erfolgversprechende Anträge zu formulieren, sondern auch neuartige, gewagte oder geradezu verwegene. Aus dieser Art von politischer Willensbildung ergab sich ein Zwang zur Überbietung, zur Steigerung; und der konnte zu Entscheidungen führen, die für die Bürger nie gekannte Risiken mit sich brachten.

Egon Flaig

Die reine Gemeinschaft und ihre Beflecker

Jahr für Jahr wird beim Thargelienfest die Polis Athen von allen Befleckungen gereinigt. Dazu nahm man zwei Sündenböcke, die man durch die Stadt führte und peitschte, dann über die attische Grenze hinausjagte, falls sie nicht schon bei dieser Hetze umkamen. Leider gebrauchten die Athener dafür nicht Hammel wie die Israeliten, sondern Menschen. Man nannte diese Sündenböcke “Pharmakoi”. In dem Wort ist der Doppelsinn von Verfluchung und Heil enthalten: indem man die Unreinheit auf einen ablädt, stößt man diesen zugleich aus der Gemeinschaft der Götter und Menschen aus; gerade dadurch bringt er aber der Gemeinschaft das verlorene Heil zurück. Dieses Ritual wurde in unterschiedlichen griechischen Städten bis zur Durchsetzung des Christentums in der Spätantike praktiziert.

Egon Flaig

Tyrannen

Tyrannen

Antigone stirbt.

Aber nicht durch meine Hand und auch nicht durch die Hand eines anderen Mannes dieser Stadt.

Auch werde ich keinen Befehl zu ihrem Tod geben. Ich werde die Stadt nicht mit weiterer Schande beladen.

Bringt sie hinaus aufs offene Land. Legt sie in eine Felsengrube und mit ihr reichlich Nahrung, Wasser und auch Licht.

Die Öffnung sperrt mit einem Stein.

Der Bezirk darum sei ab sofort für jedermann verboten.

Dort mag sie dann nach Herzenslust zu ihrem Todesgott beten, den sie ja von allen Göttern am liebsten hat.

Und sollte sie nie sterben, dann hat sie Zeit zu sehen, wie überflüssig es ist, Totes zu ehren.

Tyrannen

Tyrannen

Kreon:                         Herrscher, meines Landes, König Ödipus, die Stadt, wie du wohl siehst, schwankt schon zu sehr im Wogengang. Sie kann ihr Haupt nicht mehr vom blutigen Grund erheben. Alles stirbt. Kinder, die Herden der Rinder … Alte sah ich schon einen langen Monat nicht mehr. Unsere Mütter gebären nur noch Totes. Feuertragend, schwang er sich herein, der Gott und jagt die Pest, die schlimmste, nun schon allzu lang durch unsere Stadt. Es leert sich das Haus des Kadmos und füllt den Hades reich mit Wehgeschrei und Grabgesängen. Es ist die Sache mit dem alten König Lajos. Du weißt es noch: Er starb, bevor du kamst und seinen Thron und auch sein Weib erhieltst. Sein Mörder ist noch unter uns, so weiß es das Orakel. Und dieser Mord müsse gesühnt werden, durch Ächtung oder durch Tod. Die reinigende Rache dann nimmt das Unheil von der Stadt. Lajos’ Mörder, ist ein Fremder, so sagt man, ein Zugereister, der jetzt ein vollwertiger Thebaner ist. Mit den eigenen Kindern lebt er zusammen, als Bruder! Der gleiche Mann: Bruder und Vater! Und die gleiche Frau, die ihm zur Seite als Gattin sitzt, ist seine Mutter, die auch Gattin seines Vaters war, den er erschlug.

 

Tyrannen

tyrannen3

Haimon:

Vater, du weißt, ich bin für dich da, um zu beobachten, was in der Stadt geredet wird, was getan und was getadelt. Und da die Stadt mir ganz vertraut, konnte ich hören, wie sie um Antigone, die Jungfrau, trauern.

Sie, die unschuldigste von den Frauen,

soll elend sterben für die schönste Tat!

Den eigenen Bruder, der im Kampfe fiel,

hat sie nicht ohne Grab verkommen lassen.

Sie hat ihn nicht sein lassen Aas den Hunden

und auch den scharfschnäbligen Vögeln nicht.

Ist sie nicht goldener Ehrengabe wert?

So sagen sie.

Tyrannen

Tyrannen

Kreon:                         Und jedes Mal – Teiresias, erinnere dich – jedes Mal ist es mir gelungen, das Schlimmste von der Stadt fernzuhalten. Das Schlimmste, Teiresias: ihren Untergang! In der Pest wäre sie versunken. Ihre Mauern wären von fremden Heeren geschleift worden, hätte ich nicht gehandelt, wie ich es tat. Du sähest zerstoßene Leiber, aufgebrochene Mädchenschöße, hörtest Gejammer und Geschrei. Und jetzt bewahre ich die Stadt vor Anarchie!