Vortrag in Anklam – anläßlich der Regionalkonferenz Kunst und Kultur, Vorpommern-Greifswald

Vorwort

Julia Wissert, Regisseurin, über die gegenwärtige Verfasstheit des Theaters im deutschsprachigen Raum:
“Stadt- und Staatstheater spielen eine wichtige Rolle in der gegenwärtigen deutschen Kultur. Trotzdem oder gerade deswegen kämpfen sie zunehmend um ihre Legitimation. Debatten wie “Die Zukunft des Theaters” oder “Stadttheater reif für Reformen” suchen Antworten auf die Frage, wie es mit dieser Form des Theaters weitergehen soll. Rückläufige Besucherzahlen und sinkende Subventionen befördern das Abrutschen deutscher Bühnen in die Bedeutungslosigkeit. Einige Sprechtheater mussten auch schon schließen. Die künstlerische Qualität eines Hauses wird heutzutage vielfach nur noch an den Platzausnutzungsquoten gemessen.

Die wirtschaftlichen Zwänge, denen die Theater heutzutage unterliegen, münden vielmals in einer strukturellen oder künstlerischen Umorientierung. Ein Versuch ist beispielsweise mehr Publikum bzw. ein theaterfremdes, neues Publikum zu erreichen. Neben den wirtschaftlichen Herausforderungen, denen sich die Theater heute gegenüber sehen, wird ein Aspekt komplett vernachlässigt. Es ist die Frage, WIE die Gesellschaft aussieht, für die Theater gemacht wird. Und damit auch die Frage, WAS und vor allem WEN die Theater auf ihren Bühnen zeigen.” (aus SCHWARZ|MACHT|WEISS – 2014)

1. Raubkunst?!

Hätten wir uns freuen sollen oder hätten wir besorgt sein sollen, dass sich zwei der renommiertesten deutschen Theater und eines der bedeutendsten internationalen Theaterfestivals im deutschsprachigen Raum zusammen getan haben, um Jean Genets “Les Nègres” auf die Bühne zu bringen – zuerst in Wien, dann in Hamburg und anschließend in München?

Grund zur Vorfreude hätte es geben können, da sich drei Institutionen mit Zugang zu enormen künstlerischen, personellen und finanziellen Ressourcen eines radikal-provozierenden Textes annahmen, der seit seiner deutschen Erstaufführung 1964 in Darmstadt nur wenige Wieder-Inszenierungen erfahren hat.

Die Wiener Festwochen kündigten diese Koproduktion so an: “In Johan Simons’ Neuinszenierung des selten gespielten Stücks illustrieren einige Schauspieler mit beißendem Spott das rassistische Klischee vom ≫N***r≪, der eine weiße Frau sexuell missbraucht und sie dann tötet.”

Das indes mußte Besorgnis hervorrufen, denn wer spottet dann über wen? Weiße Schauspieler und Schauspielerinnen in Schwarzer Maskerade über letztlich tödliche Klischees, die von weißen Menschen erfunden wurden?

Besorgnis mußte auch hervorrufen, dass sich die Protagonisten nicht wirklich mit dem Gegenstand ihrer Unternehmung auszukennen schienen. Und damit meine ich sicherlich nicht, dass sie nicht wüssten, was Theater ist, wie und warum es funktioniert, noch, dass es nicht schon großartige Zeugnisse ihrer Theaterkunst gab und gibt.

Die Tatsache, dass Johan Simons, Intendant der Münchener Kammerspiele und Regisseur des Genet-Stückes, nicht zu wissen schien, wann Genet sein Stück geschrieben hat (nämlich vor mehr als 55 Jahren und nicht, wie er kürzlich in einem Radiointerview meinte, vor 30 Jahren), könnte entweder eine lässliche Ungenauigkeit sein, oder, und da wird es interessant, denke ich, ein Symptom für den unreflektierten Umgang mit widerständiger Kunst die nicht nach weißen Protagonisten fragt.

Sicherlich kann die Frage gestellt werden, ob ein Regisseur jetzt so genau das Entstehungs- und Veröffentlichungsjahr des Stückes das er inszenieren wird, kennen muss. Und, schließlich, möchte man einwerfen wollen, stehen dramatische Texte als Kunstwerke erst einmal für sich. Sicher. Steht ein Stück Literatur aber in so engem Kontext zur Wirklichkeit, wie es Genets Stück zweifellos ist, dann, denke ich, wird die Frage nach der Entstehungszeit, die Frage nach der Intention des Autoren essentiell. Denn: Genet schrieb sein Stück unter dem Eindruck der ‚damals‘ seit geraumer Zeit andauernden Befreiungsbewegungen und Befreiungskriege der Menschen in den kolonialisierten Staaten und anderer weltweit voranschreitender Emanzipationsbestrebungen bis dahin Unterdrückter.

1958 (das Erscheinungsjahr von “Les Negres”) setzt Frankreich radikal die von Roger Trinquier entwickelten, sich eng an die Prinzipien der Asymetrischen Kriegsführung anlehnenden Doktrin (auch Französische Doktrin) im sogenannten Algerienkrieg durch – die Folge ist die fast völlige Vernichtung der algerischen Freiheits- und Widerstandskämpfer. Die intellektuelle französische Öffentlichkeit ist empört über das grausamen Agieren der Militärs. Im selben Jahr beendet der Putsch d’Alger die Vierte Republik, die Fünfte wird ausgerufen, Charles de Gaulles wird Präsident. (Der Krieg gegen und in Algerien soll noch bis 1962 andauern.) Randnotiz: In den USA werden zwei Schwarze Jungen – sieben und neun Jahre alt – wegen sexueller Belästigung angeklagt und zu Arrest bis zu ihrem 21. Lebensjahr verurteilt, weil sie ein weißes Mädchen während eines Kinderspiels auf die Wange küssten. – Für Genet waren das tagesaktuelle Nachrichten. Für uns ist es Geschichte. Und Einige von uns sind auf unterschiedliche Weise persönlich mit dieser Geschichte verbunden.

Muss ein Regisseur sich des historischen Kontextes also bewusst sein? Und kann, wie in diesem Fall, die Ansprache des Autors zu seinem Text ignoriert werden?

„Das Stück ist“ schrieb Genet, „Schwarzen Darstellern auf den Leib geschrieben und für weiße durchaus ungeeignet.“

Und Genet schrieb:
„Dieses Stück, ich wiederhole es, ist von einem Weißen für ein weißes Publikum geschrieben. Aber wenn der unwahrscheinliche Fall eintreten sollte, dass es vor einem Schwarzen Publikum gespielt wird, müsste man für jede Vorstellung einen Weißen einladen – ganz gleich ob männlich oder weiblich. Der Veranstalter des Theaters wird ihn feierlich begrüßen, ihn in ein zeremonielles Gewand kleiden und ihn zu seinem Platz geleiten, am besten in der ersten Orchester-Reihe Mitte. Es wird für ihn gespielt. Dieser symbolische Weiße sollte während des gesamten Abends von einem Scheinwerfer angestrahlt sein. Und wenn kein Weißer zu dieser Vorstellung bereit ist? Dann soll man an das Schwarze Publikum beim Betreten des Saales Masken von Weißen verteilen, und wenn die Schwarzen sich diesen Masken verweigern, benutze man eine Puppe.“

Johan Simons kündigte im bereits erwähnten Radiointerview an, er werde, bis auf eine Ausnahme, das Stück von einem weißen Ensemble spielen lassen, obwohl er gleichzeitig feststellt, dass es in Genets Stück “um Schwarze Kultur, nicht um afrikanische, aber um Schwarze Kultur” ginge …

Ist das Ignorieren all dessen nun die wahrhaftige Umsetzung der Freiheit der Kunst, die wir uns verfassungsgemäß mit jeder Legislaturperiode neu garantieren oder ist es die unreflektierte Aneignung einer politischen, mit ästhetischen Mitteln geführten Schwarzen Widerstandskultur?

Das Wort Aneignung ließe sich durch das Wort Kolonialisierung ersetzen. Es ist, denke ich, hier das klarere, schärfere Wort. Kolonialisierung benennt den machtpolitischen Vorgang, der sich in dem weitergefassten Begriff cultural appropriation verbirgt, genauer.

Vor nicht allzu langer Zeit formulierte Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters Berlin, ebenfalls in einem Interview, sein Credo: “Theater ist immer auch das verfügende Nachdenken über den Anderen.” Nur, was tat das deutsche, das europäische Theater bereits seit Jahrhunderten? Es konstruierte den oder auch das Andere und räumte sich so das Vorrecht ein, eine Norm in Europa zu proklamieren, die mit weiß, heteronormativ, gebildet und ohne sichtbare körperliche, einschränkende Variationen zu beschreiben wäre.

2. Konstruktion eines Gegenbildes, um selbst unmarkiert zu bleiben – Deutungshoheit zu generieren –

Da sind sie wieder diese Plakate. “AFRIKA! AFRIKA!” schreien sie mich an. Kolonial-Impresario André Heller schlägt wieder zu: “Brandneu! Atemberaubend! Nie zuvor gesehen!” Jetzt bringt er seine “Zirkusextravaganz vom Kontinent des Staunens” auf die Theaterbühne – eigens dafür konzipiert. Raus aus dem Kirmeszelt! Rauf auf die Bürgerbühnen! Kommt Leute, Exotismus ist wieder en vogue!

AFRIKA! T-Shirt Key.indd

Vorbei die Zeiten, als Angelo Soliman nach seinem Tod die Haut abgezogen, mit Federn und Muscheln behängt im Kaiserlichen Naturalienkabinett ausgestellt wurde – als “Wilder”. – Der Mann beherrschte sechs Sprachen fließend, war Prinzenerzieher, Vize-Zeremonienmeister der Freimaurerloge Zur Wahren Eintracht. – Vorbei die Zeiten, da ein “Bewohner” des “Ashantidorfs” auf der Jesuitenwiese im Wiener Prater Ende des 19. Jahrhunderts dem Dichter Peter Altenberg ins Notizbüchlein diktierte: “Wir dürfen nichts anziehen, Herr, keine Schuhe, nichts, sogar ein Kopftuch müssen wir ablegen? Wilde müssen wir vorstellen, Herr, Afrikaner. Ganz närrisch ist es. In Afrika können wir so nicht sein. Alle würden lachen.”

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Angelo Soliman

Zyklisch, so scheint es, bedürfen weiße Europäer_innen der Selbstvergewisserung, dass sie immer noch die Kulturträger_ , die Erfinder_ und Fortgestalter_innen der Zivilisation sind. Und dieses Bild, das die sich wieder und wieder selbstgebärenden Gralshüter_innen der Hochkultur zurechtkrakeln, braucht ein Gegenbild.

Ist es interessant, dass Pöbel-Sarrazin neben menschenverachtenden Thesen rotzfrech lügen darf und trotzdem eine in die Millionen gehende Anhängerschaft hat? Er verkündet einfach ‘mal so, meistens ungefragt: “1,5 Milliarden Muslime und nicht ein einziger Nobelpreisträger.” Nicht das diese “Aussage” irgendeinen sinnstiftenden Gehalt hätte, ist es doch eine glatte Lüge. Denn da wären Muhammad Yunus (Frieden – Er ist übrigens Wirtschaftswissenschaftler (sic)), Schirin Ebadi (Frieden), Anwar as-Sadat (Frieden), Ahmed Zewail (Chemie), Abdus Salam (Physik), Orhan Pamuk (Literatur), Mohamed El Baradei (Frieden), Tawakel Karman(Frieden).

Da läßt sich ein Juror (Franz Wille) des Berliner Theatertreffens in einer öffentlichen Diskussion, im Versuch die Forderung vom Tisch zu wischen, Schwarze Schauspieler_innen im deutschsprachigen Raum ganz selbstverständlich mit Rollen wie dem Gretchen, dem Hamlet oder Faust zu besetzen, zu der Aussage hinreißen, dass man ja damit etwas sehr Rassistisches auf die Bühne bringen würde, denn immerhin vergewaltige Faust eine Minderjährige. Noch im Nachhören bleibt mir der Mund offen stehen. Mich wundert, dass die Theaterwelt nicht unterging, als Peter Brook vor nicht allzu langer Zeit eben jene Verwegenheit beging, und mit Adrian Lester einen Schwarzen Schauspieler den Hamlet spielen ließ. Immerhin treibt der die Ophelia erst in den Wahnsinn und dann in den Tod, mordet den Polonius und zwingt Claudius zum Selbstmord.

Nun denn, derlei Unsinn zu verbreiten, scheint unter weißen deutschen Hochkulturjournalisten gang und gäbe zu sein. Für Michael Laages gibt es gleich gar keine Schwarzen Schauspieler_innen in Deutschland, zumindest kennt er keine. Und der Mann ist Dozent für Theaterwissenschaft-Dramaturgie an der Technischen Universität Berlin!

– Zur Konstruktion des Gegenbildes – Rassismus als Werkzeug, Machtgefüge zu installieren –

3.Eine Anhäufung von Wissen, das vergessen werden muss!

Fand nach 1945 in Deutschland (und nicht nur hier) eine notwendige Rekonstruktion des_der aufgeklärten, mündigen, freien Künstlers_in statt, der_die Verantwortung übernahm für die vorherigen, verheerenden Ergebnisse der antijüdischen Tendenzen, der antijüdischen Diskriminierung, der antijüdischen Pogrome, der Shoah – Die zusammen mit dem II.Weltkrieg konstant als “eine der größten Katastrophen in der Geschichte der Menschheit”, als ein “Zusammenbrechen der Zivilisation”, als “Ende der Geschichte” gelesen wurde, obwohl all das Bestandteil der Geschichte der Kulturleistungen der Menschen ist. So wir denn die Ausübung von Macht als Kulturleistung lesen. – Fand also diese Rekonstruktion als innerlichster Wunsch, als Hoffnung auf ein besseres Morgen statt, so haben wir doch jetzt im Ergebnis immer noch ein Theater, eine Kultur der Segregation. Zumindest im institutionalisierten Bereich. Die Demarkationslinie dafür verläuft entlang der Konstruktionen von race, gender, class, ability und ethnicity – alte Bekannte in neuen Gewändern.

Das Paradoxe an dieser Entwicklung hin zu einer neuerlichen Kultur der Ausschlüsse ist sicherlich darin zu finden, dass versucht wurde an die Fäden anzuknüpfen, die die früh- und vormodernen, klassischen und modernen Aufklärer gesponnen haben. Von Luther über Locke, Kant, Hegel, Fichte bis zu Heidegger und Hannah Arendt. Es scheint irrwitzig, eine derartige Kette schmieden zu wollen. Einige Beispiele mögen die Berechtigung dafür belegen:

Martin Luther (1483-1546) schrieb in Von den Juden und ihren Lügen (1543), dass die Juden für “1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen” seien. Anschließend fügte er hinzu: “Jawohl, sie halten uns in unserem eigenen Land gefangen, sie lassen uns arbeiten in Nasenschweiß, Geld und Gut gewinnen, sitzen dieweil hinter dem Ofen, faulenzen, pompen und braten Birnen, fressen, sauffen, leben sanft und wohl von unserm erarbeiteten Gut, haben uns und unsere Güter gefangen durch ihren verfluchten Wucher, spotten dazu und speien uns an, das wir arbeiten und sie faule Juncker lassen sein […] sind also unsere Herren, wir ihre Knechte.”

Immanuel Kant (1724-1804) vereint in sich ebenfalls einen traditionellen Antijudaismus wie auch einen modernen Antisemitismus. Er bezeichnete die Juden als eine “Nation von Betrügern” und als “Vampyre der Gesellschaft”; außerdem unterstellte er ihnen eine “Gemüthsschwäche im Erkenntnißvermögen”. Und Kant kam zu dem Schluß: “Die Euthanasie des Judentums ist die reine moralische Religion.” Als einer der Konstrukteure der Rassentheorien entwarf er auch eine Hierarchie der Menschen: “Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. Die gelben Indianer haben schon ein geringeres Talent. Die N***r sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften. […] Die N***rs von Afrika haben von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege.”

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) In seinen Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte (1837) schrieb Hegel: “Der N***r stellt den natürlichen Menschen in seiner ganzen Wildheit und Unbändigkeit dar. […] Es ist nichts an das Menschliche Anklingende in diesem Charakter zu finden.” Und den afrikanischen Kontinent beschreibt Hegel als “Kinderland, das jenseits des Tages der selbstbewussten Geschichten in die schwarze Farbe der Nacht gehüllt ist. […] Bei den N***rn ist […] ist Charakteristische gerade, dass ihr Bewusstsein noch nicht zur Anschauung irgendeiner festen Objektivität gekommen ist.”

Es folgen Lichte, Diderot, Rousseau, Voltaire, Heidegger. Der Tenor ist bei allen derselbe. Alles lupenreine Antisemiten und/oder Rassisten.

Hannah Arendts (1906-1975) erscheinen in dieser Liste, scheint hier die irrwitzige Pointe zu sein. Und dennoch: die Vielgeehrte, deren Doktorvater Heidegger war, schrieb in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1951) dass die “N***r” selbst mitschuldig seien am Rassismus, denn die “Rassen” Afrikas und Australiens zeugten von einer “katastrophenhaften Einförmigkeit ihrer Existenz” und seien “bis heute die einzigen ganz geschichts- und tatenlosen Menschen, von denen wir wissen, [… ] die sich weder eine Welt erbaut noch die Natur in irgendeinem Sinne in ihren Dienst gezwungen haben”. Und weiter: “Der biblische Mythos von der Entstehung des Menschengeschlechts wurde auf eine sehr ernste Probe gestellt, als Europäer in Afrika und Australien zum ersten Male mit Menschen konfrontiert waren, die von sich aus ganz offenbar weder das, was wir menschliche Vernunft, noch was wir menschliche Empfindungen nennen, besaßen, die keinerlei Kultur, auch nicht eine primitive Kultur, hervorgebracht hatte, ja, kaum im Rahmen feststehender Volksgebräuche lebten und deren politische Organisation Formen, die wir auch aus dem tierischen Gemeinschaftsleben kennen, kaum überschritten. […] Hier, unter dem Zwang des Zusammenlebens mit schwarzen Stämmen, verlor die Idee der Menschheit und des gemeinsamen Ursprungs des Menschengeschlechts, wie die christlich-jüdische Tradition des Abendlandes sie lehrt, zum ersten Mal ihre zwingende Überzeugungskraft, und der Wunsch nach systematischer Ausrottung ganzer Rassen setzte sich umso stärker fest.”

Sich im Selbstverständnis der “Aufklärung” zu verorten, bedeutet auch sich im Selbstverständnis der Macht zu verorten, denn letztendlich waren es neben anderen eben diese Aufklärer, die die Instrumente, die Werkzeuge, den Überbau für Macht und den Überbau für das heutige Selbstverständnis der kulturellen und politischen Eliten unserer Gesellschaft entwickelten.

4. Mögliche Rekonstruktion einer Parabel

1603 erlebt Shakespeares Tragödie “Othello” ihre Uraufführung.

Mögliche Inspiration erhielt Shakespeare durch Cinzios (Giambattista Girialdi) Erzählung “Il Capitano Moro”.
Alessandro de’ Medici, Herzog von Florenz, war (pi mal Daumen) ein Zeitgenosse Cinzios. – Als gebildeter Mensch dürfte er von ihm gewußt haben. – Alessandro trug den Beinamen ‘Il Moro’, Alessandro war Schwarz.

Allesandro de' Medici

Und eine weitere mögliche Inspiration mag ein Ereignis von 1600 gewesen sein.

Abdel-Ouahed ben Messaoud war im Jahr 1600 *maurischer* Gesandter am Hof Königin Elizabeth’ I. Sechs Monate verhandelte er mit der Königin im Auftrag von Ahmad al-Mansur, dem marokkanischen König, über eine marokkanisch-englische Alliance gegen Spanien. Es wird vermutet, daß dieser Botschafter eine weitere Inspirationsquelle für Shakespeares ‘Othello’ war.- Es gibt ein Portrait von Abdel-Ouahed ben Messaoud, das heute im Shakespeare Institut in Stratford-upon-Avon zu sehen ist. (Schauen Sie sich das Bild an, dann werden Sie sehen, daß der Botschafter keineswegs Schwarz war – Bart- und Haupthaar indes schon.) Auf diesem Bild ist folgendes zu lesen: LEGATUS REGIS BARBARIÆ IN ANGLIAM – Königlicher Botschafter der Barbaren in England. – 1585 gründete Königin Elizabeth I. eine Handelsgesellschaft, die sogenannte Barbary Company (oder auch Marocco Company). Die Patente an dieser Handelsgesellschaft gab die Königin an 42 englische Hochadlige aus. Diese Handelsgesellschaft garantierte einen exklusiven Handel zwischen den Königreichen von England und Marokko für erst einmal 12 Jahre – letztendlich bestanden die Privilegien bis weit ins 18. Jhd. hinein.

Abdel-Ouahed ben MessaoudAbdel-Ouahed ben Messaoud

Nun hat die weitaus größere Rolle (gemessen am Textumfang) in Shakespeares “Othello” Jago. Jago ist eine Verkürzung des Namen des Hl. Santiago – der Maurentöter und Schutzpatron Spaniens. (Ganz zu Anfang des Stückes läßt Sh. ‘Jago’ sagen: “… you’ll/ have your daughter covered with a Barbary horse …” – “Barbary horse” – Barbary Company – ein Zufall?)

Bei Cinzio rächt sich der ‘Fähnrich'(‘Jago’) für die Zurückweisung durch ‘Desdemona’. Shakespeare läßt seinen ‘Jago’ (das feindliche Spanien) eine fürchterliche Intrige spinnen, die letztendlich ‘Desdemonas’ (Englands, Elizabeth’s) Tod zur Folge hat. Desweiteren, eher “kollateral” fällt ‘Othello’ durch eigne Hand und ‘Jago’ (Spanien) wird angeklagt.

Bei Cinzio ist die Moral: Oh, Ihr europäischen Frauen laßt Euch nicht mit afrikanischen Männern ein! Bei Shakespeare scheint es subtiler: Schmiedet England die falschen Alliancen gegen mächtige Feinde, wird es fallen.

5. Die Schwarze Figur wird auf der europäischen Bühne etabliert – als Karikatur –

Schwarz wurde ‘Othello’ erst im späten 19. Jhd. (Sie können das an den bildlichen Darstellungen durch die Jahrhunderte verfolgen.) Und doch, selbst Laurence Olivier zog einer kompletten Blackface-Maskerade ein “dezenteres” Make-up vor. Schwarz mußte Othello werden, um (und jetzt sind wir tatsächlich an einem widerlichen, obgleich machtpolitisch verständlichen, Punkt) zu rechtfertigen, warum Schwarze und nicht-weiße Menschen eben nicht integraler Bestandteil der europäischen Gesellschaften, insbesondere der Eliten, sein “dürfen” (Obwohl sie es durch alle Jahrhunderte hindurch waren und sind.) Schließlich mußte die Kolonialisierung, die Versklavung gerechtfertigt werden. Victor Hugo kommt zu folgendem Schluß: “Was ist Othello? Das ist die Nacht. Eine gewaltige, fatale Gestalt. Die Nacht ist verliebt in den Tag. Die Finsternis liebt die Morgenröte, der Afrikaner betet die Weiße an. Desdemona ist für Othello die Klarheit und der Wahnsinn. Deshalb verfällt er der Eifersucht so rasch. […] Die Eifersucht verwandelt den Helden jäh in ein Ungeheuer, der Schwarze wird zum N****. Es ist, als ob die Nacht dem Tod ein rasches Zeichen gegeben hätte. […] Was könnte schrecklicher sein für die Weiße und die Unschuld als Othello, der N**** . […] – Auch das könnte selbstverständlich nur eine Reflektion über Kunst, über Theater sein. Bei einem derartig öffentlich politisch bewegten Intellektuellen und Künstler, wie Hugo es zweifellos war, sehe ich letztendlich doch nur einen Vertreter des geistigen Establishments seiner Zeit – mit Ausstrahlung bis in unsere Zeit.

8Alexandre Dumas d.Ä.

Alexandre Dumas d.Ä.

Nebenbei: Victor Hugo und Alexandre Dumas d.Ä. wurden im selben Jahr geboren. Und darüber hinaus dürften Thomas Alexandre Dumas (Davy de la Pailleterie) und der Chevalier de Saint-George (“Le Mozart noir“ ) Hugo bekannt gewesen sein.

7Thomas Alexandre Dumas

Thomas-Alexandre Davy de la Pailleterie, General in der napoleonischen Armee

Vater von Alexandre Dumas d.Ä.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAJoseph Bologne, Chevalier de Saint-Georges, brillanter Fechter, Eisläufer, Komponist, Dirigent, Hauptmann der Garde Nationale

6. Fazit

Deutschsprachige und europäische Theaterliteratur MUSS ausschließlich von weißen Menschen gespielt werden, lese und höre ich oft, denn es gäbe ein “Nationales Gedächtnis”. – Nicht, daß mir dieser Begriff behagt, aber, ich nehme ihn für einen Moment Ernst: Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben haben unterschiedliche Lebenserfahrungen – das wird niemand leugnen können – daraus ergeben sich unterschiedliche Positionierungen, unterschiedliche Perspektiven. Jedoch: Solange wir nicht anerkennen wollen/können, daß wir ALLE (die wir künstlerisch, wissenschaftlich, politisch arbeiten) Repräsentant_innen EINER Gesellschaft sind, solange wir uns die Frage (nur zum Beispiel auf Berlin bezogen), WER ist das DEUTSCHE Theater, WER ist das BERLINER Ensemble, WER ist die VOLKsbühne nicht (neu) beantworten, werden wir uns nicht wirklich eines tatsächlichen, gemeinsamen “Nationalen Gedächtnises” bewußt sein.

Im Übrigen: Zwei der prominentest platzierten Filme des letzten Jahres (“Lincoln” und “Django Unchained”) die die “Sklaverei” (besser doch “Versklavung”) zum Thema hatten, verzichteten konsequent darauf die (wahre) Geschichte der UNDERGROUND RAILROAD zu erwähnen. Warum erzählen etablierte Künstler_innen, Kunstproduzent_innen diese Geschichten nicht? Prinzip, Desinteresse, Nachlässigkeit, Unwissen (sicher nicht)?

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Abwehrreflexe oder die Unmöglichkeit der Verständigung zwischen Schwarzen und weißen Menschen, wenn es um Rassismus geht

Unter dem tag abwehrreflexe gibt es ja hier schon Einiges zu lesen. Dies ist ein weiteres Beispiel, warum ich daran zweifle, daß eine kritische Auseinanderstzung mit Alltagsrassismus und rassistischer und sonstiger diskriminierender Sprach- und Bildproduktion in absehbarer Zeit stattfinden wird.

An radioeins – rbb

Berlin, 10. November 2013

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich verstehe nicht, wieso Sie eine Veranstaltung, die mit rassistischen Klischees arbeitet, unterstützen/ bewerben. Schaut man auf die Internet-Präsenz von ‘knorkator’, erscheint ‘radioeins’ dort als Medienpartner. Auf Ihrer Veranstaltungsseite gibt es die Ankündigung  für ein Konzert dieser Band am 17. Mai 2014.

In Titel und Beschreibung (einschließlich der “Illustration”) der Veranstaltung – Anlaß ist wohl die Veröffentlichung der neuesten CD von ‘knorkator’ – werden stupideste rassistische Klischees (re)produziert. Die Entwicklung/Erfindung derartiger Beschreibungen (in Wort und Bild) vor hunderten von Jahren diente nichts anderem, als die Kolonialisierung Schwarzer Menschen, die Vernichtung ihrer Kulturen und Religionen, ihres Wissens, ihrer materiellen und immateriellen Werte, ihres sozialen Selbstverständnisses zu rechtfertigen. Deportation, Zwangsarbeit, Mord und Völkermord waren und sind die Folgen dieser imperialistischen Expansionspolitik.

“Alles lange her.” “Get over it.” “Nehmen Sie’s mit Humor!” werden Sie antworten wollen. Vielleicht. Nur läßt die Realität das nicht zu. Rassistische “Witzchen” in Schulen, Kneipen, Büros, staatlichen Behörden auf Kosten Schwarzer Menschen und Menschen of Color gehören zum Alltag. Verhöhnung, Ausgrenzung aus sozialen Gemeinschaften, Verhinderung der Partizipation am kulturellen, künstlerischen Alltag ist immer noch strukturell verankert.

Schwarze Menschen und Menschen of Color leben in Deutschland (und im gesamten Europa) seit hunderten von Jahren und sind trotz der permanenten Unterdrückung integraler Bestandteil dieser Gesellschaften. Es ist üblich, Schwarze Menschen und Menschen of Color zu degradieren, mit enthumanisierendem Blick zu betrachten. Sicher. Nur sind die Folgen dieser Perspektive genauso bitter und blutig wie eh und jeh.

Sehr geehrte Damen und Herren, gehen Sie davon aus, daß wir uns nicht als Opfer stilisieren. Stolz und Würde sind davor. Aber empören werden sich viele, sehr viele immer wieder. So auch jetzt über die (Aus)Wahl der Veranstaltung die Sie als Redaktion eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks getroffen haben.

Aber warum diese (Aus)Wahl nicht überdenken.

Vielleicht hilft ihn folgende Literatur- und Linkliste dabei.

http://www.deutschland-schwarzweiss.de/
http://www.whitecharity.de/
http://blackpeopleloveus.com/
http://vasundharaa.tumblr.com/post/31917466176/this-is-a-resource-post-for-all-the-good-white
http://kendike.wordpress.com/2013/06/13/inflationierung-von-rassismus-schafft-ihn-nicht-ab/
http://www.derbraunemob.info/deutsch/index.htm
http://www.gegen-die-schwerkraft.de/shop/books/micosse
http://www.kas.de//db_files/dokumente/zukunftsforum_politik/7_dokument_dok_pdf_177_1.pdf?040415180721

Des weiteren all die Texte, Theaterstücke, Gedichte, Essays von Susan Arndt, Toni Morrison, May Ayim, Angela Davis, Joshua Kwesi Aikins, (sogar) Tim Wise, Dr. W.E.B.Du Bois, Wole Soyinkas, Philip Kabo Koepsel, Prof. Dr. Maisha-Maureen Eggers, Prof. Grada Kilomba, Sharon Ooto, Frantz Fanon …

Selbstverständlich freue ich mich über eine Antwort von Ihnen.
Hochachtungsvoll

Berlin, 11. November 2013

Sehr geehrter Herr Hussein,

danke für Ihre mail. Bei Knorkator handelt es sich um eine aus dem alternativen, linken Szeneumfeld stammende, satirische  Berliner Rockband. Entdeckt und gefördert wurden Knorkator u.a. von Rio Reiser und Rod Gonzales (“Die Ärzte”). Die band stand und steht nie im Veracht, reaktionär oder rassistisch zu sein oder zu handeln.

Das neue Album basiert auf dem Kinderbuchklassiker “Der Struwelpeter” von Heinrich Hoffmann. Das Artwork lehnt sich an die Illustrationen der Original – Ausgabe an. Mit Rassismus hat das aus unserer Sicht nichts zu tun.

Die Band bezieht auch Stellung und unterstützt beispielsweise das “Anti-Nazi Festival “Jamel rockt den Förster” mit 5 % ihrer Einnahmen.

Ich möchte Sie daher freundlichst bitten, Ihren Standpunkt noch einmal zu überdenken und verbleibe mit den besten Grüßen,

Peter Radszuhn
Musikchef

radioeins – rbb

Berlin, 15. November 2013

Sehr geehrter Herr Radszuhn,

vielen Dank für Ihre schnelle Antwort.

Ich brauchte etwas Zeit.

Sie bitten mich, meinen “Standpunkt noch einmal zu überdenken”.

Nun, schon so lange ich denken kann, denke ich darüber nach, warum ich von Menschen in meiner Umgebung “Mohr”, “Mohrle”, “Neger”, “Nigger”, “Dachpappe”, “schwarzes Schwein (oder auch Sau, je nach dem)”, “Kanake”, “Kamelficker” … genannt werde. Und das von den “buddies” im Kindergarten, den Mitschüler_innen aus meiner Klasse, während des Studiums dann von “meinen” Kommiliton_innen und später von Kolleg_innen bei der Arbeit … Dabei habe ich einen schönen Namen, wie ich finde. Ich habe ihn mir von meinem Vater übersetzen lassen, da ich nie gelernt hatte, arabisch zu sprechen. Atif bedeutet ‘Der Gütige’ oder auch ‘Der Liebe Gebende’. Gut, das wissen die wenigsten, die nicht arabisch sprechen oder sich mit den sogenannten ‘Neunundneunzig Namen von Allah’ auskennen. Geschenkt. Aber an diesem Unwissen, dachte ich dann irgendwann, kann es wohl nicht liegen, daß Menschen lieber eines der oben aufgeführten Worte benutzen, anstatt mich bei meinem Namen zu nennen.
“Mohrle”, so dachte ich, heißen Katzen im Kinderlied. “Ruhig, Brauner”,
so dachte ich, raunt man unruhigen Pferden zu. Meine Mutter fragte ich, als ich aus dem Kindergarten kam, warum mich die anderen Kinder immer ‘Jäger’ rufen. Ich war fest überzeugt, kein Jäger zu sein. Sie konnte es mir nicht erklären. Heute weiß ich warum.

Als ich anfing, selbst zu lesen, fand ich einige dieser Wörter wieder. In Kinderbüchern. In Jugendbüchern. In Geschichtsbüchern. In Biologiebüchern. In Theaterstücken. In Zeitungen und Zeitschriften …
Dann kamen die Bilder. In Büchern, Comics, Filmen: Seltsam schwarz geschminkte Menschen mit Knochen in den Perücken, knallrot angemalten Lippen, weit aufgerissenen Augen, Baströckchen … Selten sprechen sie und wenn, dann haben sie eine eigenartige Diktion, beherrschen die deutsche Grammatik nicht wirklich und verhalten sich auch sonst irritierend auffällig (Wie jüngst Günter Wallraff in seinem “Dokumentarfilm” ‘Schwarz auf Weiß – Eine Reise durch Deutschland’) …

Es ist noch nicht allzu lange her, da meinte ein Bekannter mit dem ich zusammen in der U-Bahn fuhr, als wir an der Station MOHRENSTRASSE hielten: “Ey, deine Station! Hier mußt du ‘raus!” Ich habe ihm nicht erklärt, daß die Straße (und damit die Station) ihren Namen daher hat, daß hier aus ‘Groß Friedrichsburg’, einer kurbrandenburgischen Kolonie in West-Afrika, deportierte Schwarze Menschen ‘wohnen’ mußten.

>>> “Friedrich Wilhelm I. ließ sich neben den 72.000 Dukaten, die er von den Niederländern für Groß Friedrichsburg erhielt, zwölf junge afrikanische Männer nach Berlin schicken, die dort am königlichen Hof ganz unterschiedliche Dienste verrichten mussten. Einige von ihnen, die der preußische König gemäß dem zeitgenössischen Sprachgebrauch als “Mohren” bezeichnete, wurden als livrierte Lakaien ständige Diener seiner Kinder Wilhelmine und Fritz. Andere mussten als Trompeter und Trommler in der königlichen Militärkapelle mitmarschieren. Schließlich gab es aber auch noch Afrikaner, die dem König einen ganz besonderen Dienst erwiesen: Da er gern am Abend nach getaner Arbeit im Kreis seiner engsten Freunde und männlichen Familienmitglieder zur Entspannung Pfeife rauchte, hatten seine Schwarzen Bedienten ihm und allen anderen Teilnehmern seines “Tabakskollegiums” hin und wieder den dazu benötigten Tabak anzureichen. Dieses exotische Genussmittel war – noch bevor es über London und Amsterdam den Weg nach Berlin gefunden hatte – von versklavten westafrikanischen Landsleuten der preußischen “Hof-Mohren” geerntet, getrocknet und verpackt worden.” (aus Friedrich der Große und George Washington, Jürgen Overhoff) <<<

‘We Want Mohr’ mag sich, wie es die Verantwortlichen und wie Sie, Herr Radszuhn, es denken, auf Heinrich Hoffmanns Buch beziehen – richtig, es reproduziert die Illustrationen in diesem Buch. Aber, und das ist m.E. das Wesentliche, ‘We Want Mohr’ repräsentiert den unreflektierten Umgang mit der deutschen und europäischen kolonialen Vergangenheit und den, wie schon erwähnt, absolut unempathischen, degradierenden Blick auf Schwarze Menschen und Menschen of Color.

All die oben genannten Wörter, so auch ‘Mohr’, sind Fremdbezeichnungen – entsprungen einer Dominanzkultur, die es ablehnt, die Folgen ihres Handelns zu überdenken.

Herr Radszuhn, sicher behaupte ich nicht, daß ‘Knorkators’ Bandmitglieder Rassisten wären. Aber auch eine linke oder linksalternative Weltsicht bewahrt nicht davor, rassistische oder andere diskriminierende Sprache und Bilder zu benutzen. – Auch wenn es vom Absender nicht ‘so’ gemeint ist, kann es sehr wohl beim Adressaten ‘so’ ankommen.

Wenn es denn nun so ist, daß ‘Knorkator’ satirisch auf die Welt reagiert, sollten sie/Sie sich fragen, auf wessen Kosten diese “Witze” gemacht werden. – In diesem Fall, wie zu sehen ist, geht der “Witz” nicht auf eigene Kosten …

Herzliche Grüße

Hier noch ein paar links für vertiefende Lektüre:

http://www.unrast-verlag.de/news/271-rassismus-in-gesellschaft-und-sprache

Goodbye Europe! Hello Busek.

STEFAN SCHLÖGL > JOURNAL

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Europa, das zeigte das Bühnenstück “Goodbye Europe! oder: Wie ich den Mauerfall verpennte” im Wiener Palais Kabelwerk, dieses Europa kann wider Erwarten auch prickelnd sein. Nicht bloß ein Mantra, mit dem man sich permanent selbst vergewissert, dass es toll sei “Europäer” zu sein – und gleichzeitig mit blankem Entsetzen dabei zusehen muss, wie eine Bande von Geldproleten ohne Benehmen, Gewissen und Kinderstube (Irland!) diesen Kontinent ausweidet. Was hatten diese Menschen bloß für Eltern? Wer hat ihnen diese Gier anerzogen? Welche Schulen besuchten sie? Wo erlernt man diese Geilheit, sich die Taschen vollzustopfen? Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass ich den Fall der Mauer auch verpennt habe. Oder um genauer zu sein: Ich kann mit den Codes der Geschichtsschreibung, die dieses 1989 im kollektiven Gedächtnis eingebrannt hat, diesen Jubel- und Wiedervereinigungsszenen nichts anfangen. Ich weiß bloß, wie es kurze Zeit nach der “Wende” in Berlin, in Prag…

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Inflationierung von Rassismus schafft ihn nicht ab

ich bin umgezogen

„Über die Inflationierung der Bilder verschwinden sie.“ sagt Sebastian Baumgarten am Mittwoch im Haus der Berliner Festspiele während der Abschlussdiskussion zur “Blackfacing-Debatte”, die im Rahmen des Theatertreffens im Mai auf dem Blog des Festivals aufgeflammt war (hier mein Eintrag dazu und die Artikel auf dem TT-Blog). Im diplomatischen Stuhlkreis im Foyer der Berliner Festspiele diskutierten Vertreter_innen von Bühnenwatch und Sebastian Baumgarten, der Regisseur von der in die Kritik geratenen Inszenierung der “Heiligen Johanna der Schlachthöfe“.
 Aber von einer Diskussion kann kaum die Rede sein. Nach einleitenden Statements von Atif Hussein als Vertreter von Bühnenwatch und von Sebastian Baumgarten entstand ein faszinierend unproduktiver Abschlag von verhärteten Fronten. Konzeptionell war die Veranstaltung eingeteilt in zwei Teile: In der ersten von zwei Stunden sollte konkret anhand der Inszenierung der “Heiligen Johanna der Schlachthöfe” über die Verwendung des Blackfacing und anderen rassistischen Zeichen und Bildern gesprochen werden. Im zweiten Teil sollte…

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Der Gegenwert der Zeichen

von Esther Slevogt

Blackfacing in Sebastian Baumgartens “Johanna der Schlachthöfe” – In einer Sonderveranstaltung der Berliner Festspiele treffen Welten aufeinander.

 

Berlin, 12. Juni 2013. Statt des Podiums diesmal also eine Art Stuhlkreis in der Kassenhalle des Hauses der Berliner Festspiele. Das sei als Geste gedacht, dass man nicht von oben herab dozieren, sondern auf Augenhöhe diskutieren wolle, so der Journalist und Ex-Theatertreffenjuror Tobi Müller, der als Moderator angetreten war. Auf einem Tisch in der Mitte lagen griffbereit Mikrophone für jene bereit, die sich an der Debatte beteiligen wollten. Wobei sich bald herausstellte, dass Augenhöhe nicht per Sitzunordnung herstellbar ist, solange es keine grundsätzlichere Befragung von Strukturen und Machtverhältnissen gibt, die auch die Bedingungen der Möglichkeit von Hochkultur sind: und zwar die ihrer Finanzierung ebenso wie ihrer grundsätzlichen Formen und Kodierungen …

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=8261:blackfacing-in-sebastian-baumgartens-qjohanna-der-schlachthoefeq-in-einer-sonderveranstaltung-der-berliner-festspiele-treffen-welten-aufeinander&catid=101:debatte&Itemid=84

Die Revolution des Mainstreams oder: Wenn rassistische Stereotype mit Judith Butler gerechtfertigt werden. Ein Bericht zur Abschlussdiskussion der Juror_innen des 50. Theatertreffens

Die Revolution des Mainstreams oder: Wenn rassistische Stereotype mit Judith Butler gerechtfertigt werden. Ein Bericht zur Abschlussdiskussion der Juror_innen des 50. Theatertreffens

DER GUTE MENSCH VON SEZUAN

VON BERTOLT BRECHT / MIT MUSIK VON PAUL DESSAU
28. SEPTEMBER 2013 / PREMIERE / DEPOT 2

Der Himmel ist in Aufruhr. Interne Diskussionen um mögliche Fehler bei der Weltschöpfung veranlassen die Götter nach Jahrtausenden endlich, ihr Werk einer Revision zu unterziehen. Drei Abgesandte sollen die Beschaffenheit der Erde überprüfen. Doch selbst der scheinbar niedrigste Qualitätsstandard – ein einziger guter Mensch reicht dem himmlischen Komitee, die Existenz der Welt zu rechtfertigen – erweist sich als zu ambitioniert. Ernüchtert von den Menschen und vom mangelnden Reisekomfort zermürbt, treffen sie in Sezuan auf die junge Prostituierte Shen Te, die als Einzige bereit ist, die hohen Gäste aufzunehmen. Die Götter sind erfreut. Das Ende der Mission scheint nahe. Sie rühmen die Güte des Mädchens, statten es mit einem kleinen Kapital aus, zu verzinsen in guten Taten, und verabschieden sich eilig gen Himmel.
Der Mikrokredit ermöglicht es Shen Te, sich mit einem Tabakladen selbständig zu machen. Ihr bescheidener Wohlstand aber weckt Begehrlichkeiten. Als die Bitten ihrer Mitmenschen zu Forderungen werden und sie ihre Hilfsbereitschaft täglich hemmungsloser missbraucht sieht, erschafft sie sich ein kapitalistisches Alter Ego: einen Vetter Namens Shui Ta, in dessen Gestalt sie ihre eigenen Interessen durchzusetzen vermag. Immer häufiger kommt dieser Vetter zu Besuch, bis Shen Te, von ihrem lieblosen Verlobten Sun geschwängert und verlassen, in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht, ihn schließlich ganz von sich Besitz ergreifen lässt. Befreit von jedem moralischen Anspruch baut Shen Te als Shui Ta ihren kleinen Laden zu einem ausbeuterischen Tabakimperium aus. Je skrupelloser jedoch das Vorgehen ihres erfundenen Vetters, desto schmerzlicher wird die gütige Shen Te von den Menschen in Sezuan vermisst. Sie wittern einen Mord und bringen den Emporkömmling Shui Ta vor Gericht. Den Prozess aber leitet niemand anderes als die drei Götter. In ihrer Verzweiflung entdeckt Shen Te/Shui Ta ihnen das doppelte Spiel: »Gut sein zu anderen und zu mir konnte ich nicht zugleich.«

REGIE MORITZ SOSTMANN / BÜHNE CHRISTIAN BECK / KOSTÜME ELKE VON SIWERS / MUSIKALISCHE LEITUNG PHILIPP PLESSMANN / PUPPENBAU ATIF HUSSEIN • FRANZISKA MÜLLER-HARTMANN / DRAMATURGIE NINA RÜHMEIER