Ismenes Lamento aus “Tyrannen”

Da ist niemand mehr. Niemand, den ich kenne, oder kannte, oder kennen lernen könnte. Und niemand kennt mich. Einmal, da kannten sie mich. Aber sie haben mich vergessen. Sie haben mich aus ihrer Geschichte herausgestrichen. Nein, nicht herausgestrichen. Einfach nur nicht mehr an mich gedacht. Ich existiere nicht mehr. Aber ich lebe. Ich muss leben. Atmen! Sehen! Hören! Denken! – Ich in da! Unsichtbar! Unhörbar! Unfühlbar! Bin da. Warum nur ich? Da?! Erfüllt sich so der Fluch an mir? Da und nicht mehr da sein? Nicht ein Augenblick meiner gegenwärtigen Existenz weist auf einen zukünftigen und alle Geschehnisse meines Lebens sind gewesene, verweste. Man meidet das Tote. Der ihm anhaftende Geruch verhindert die Erinnerung, verhindert, sich meiner zu erinnern.

Früher verging nicht ein Tag, an dem uns nicht alle sehen wollten, berühren, uns bestaunen. Kein Staatsakt, bei dem sie uns nicht zujubelten. Ganz oben stehen wir. Der Vater, stolz und kühn. Die Mutter, atemberaubend schön. Und wir, die Kinder, entzückend anzusehen. In unschuldiges Weiß gekleidet. Wir die Beschmutzten, die Abscheulichen.

Damals, als ich noch nicht wusste, wer ich bin, wer ich werden würde, habe ich immer davon geträumt, anonym zu sein. Einmal hinaus gehen aus dem Haus, unbeschützt. Morgens durch die Straßen meiner lieben, mich liebenden Stadt gehen. Kein Sonnenlicht bringt die Farben hervor. Alles ist blau. Aber nicht einfach blau. Tausendfach blau. Und es ist still. Kein Geräusch der Nacht mehr und noch keines, das den Tag kündet. Ich muss still sein, atemlos, damit ich hören kann, wie still es ist. Und die Luft hat keine Temperatur. Sie ist einfach da. Steht still. Wartet gespannt auf den Moment, bewegt zu werden, durch das Leben. Ich bleibe da, bis es so hell wird, dass sie mich nicht mehr übersehen können. Ich schaue sie an und sie schauen mich an. Einer wird da sein, dessen Blick sich in meinem fängt. Und die anderen, sie sehen, wie wir uns anschauen. Sie fragen ihn, wer ich bin. Er wird mich anschauen und sein Blick wird sich in meinem fangen. Er sieht, wer ich bin. Er wendet sich ab. Und die anderen sehen, dass er sich abwendet von mir, um mich zu vergessen. Und die anderen wenden sich ab, um mich zu vergessen.

Ich hasse sie! Sie, die mir das antaten. Sie haben mich in diese Fluchschuld geboren. Ich hasse Sie! Doch was nützt mir mein Hass, wenn niemand mehr da ist, auf den ich meinen Hass richten kann? Alle tot. Alle gestorben durch die eigene Hand. Nur der Vater, der doppelt blinde, der dreifach blinde Nichtsseher, Nichtswisser, der darf aufsteigen. Zu den Olympiern! Verehrt. Verehrt? Wofür? Warum? Er, der dadurch, dass er mich zeugte mit der eigenen Mutter, mich so tief stieß.

Früher wurde kein Fest gegeben, zu dem sie uns nicht als Ehrengäste einluden. Und die Verehrer, die wir hatten, meine Schwester und ich. Die Brüder hatten auch einige. Die Geschenke, die wir bekamen. Immer teuer, meistens albern. Peinlich! Unsere Namen in Gold, mit bunten Juwelen verziert. Wer kennt meinen Namen jetzt? Wer haucht ihn mir ins Ohr und berührt mit seinem jungen weichen Bart meinen Hals? Wessen Lippen küssen meine Brüste? Wessen Hände öffnen meine Schenkel?

Ich warnte sie. Erst den Vater: Die Brüder führten Krieg! Und der Vater, der stolzblinde Ödipus, der hörte nicht. Er hütete seinen Hass. Und die Brüder, die ich warnte, sie hörten nicht. Sie erschlugen sich in doppelt eigenhändiger Schande. Und dann die Schwester: Antigone, die liebe, zarte, starke. Ich hasse sie. Sie war die letzte. Sie ließ mich allein. Ließ mich nicht mit ihr sterben. Mit ihr zusammen, hätte ich es gekonnt. Sterben! Ich flehte sie an. Ich bettelte.

Kreon – meine letzte Hoffnung! Er ließ mich verurteilen – zum Tod. Mit der Schwester. Der Gute! Und dann, im letzten Augenblick, entscheidet er sich anders. Ich muss leben. Unfassbar!

Ich lebe ohne eigenes Leben. Wer schreibt meine Geschichte? Wer schreibt mir mein Leben? Wem darf ich ein Schwert schenken? Wem darf ich Wasser reichen? An wessen Hand darf ich über Klüften hängen?

Ich gehe zum Altar. Wer hat mein Brautkleid genäht? Ich bin schwanger. Wer entbindet mich von meinem ersten Kind? Wer tröstet mich, wenn mein Mann mich zum ersten Mal betrügt? Wenn er zu mir zurückkehrt, werde ich Rosenblätter auf unser Bett streuen. Ich weine, wenn er tot ist.

Ich bin die Mahnung! Ich, nicht die Toten. Ich, die ich lebe. – Allein, außerhalb der Welt. Ich bin die Mahnung. Ich, an die niemand denkt. Ich bin die Mahnung. Ich, die niemand kennt.

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