Vortrag in Anklam – anläßlich der Regionalkonferenz Kunst und Kultur, Vorpommern-Greifswald

Vortrag in Anklam – anläßlich der Regionalkonferenz Kunst und Kultur, Vorpommern-Greifswald.

Advertisements

Mais in Deutschland und anderen Galaxien von Olivia Wenzel

66633200

Text  –  Olivia Wenzel

Ausstattung  –  Petra Korink

Dramaturgie  –  Katja Wenzel & Nora Haakh

66633198

___________________________________________________________________________________________________

Ich bin sieben Jahre alt, klettere auf einen Baum und starre in den Himmel. So viele, schöne Lichtpunkte. Ich falle rückwärts runter und schlage mir den Kopf auf, Platzwunde. Als meine Mutter mich sieht, sagt sie: „Scheiße, bist du bescheuert.“

Susanne hätte Noah gerne nach seiner Geburt zu dessen Vater nach Angola gebracht. Noah war mehr ein Plan für ihren Ausbruch als etwas, was bindet. Sie wollte schon immer weg – damals aus der Enge des eigenen Elternhauses, der Begrenztheit der DDR, dann aus allen Beziehungen, in denen sie war und jetzt vor allem weg von Noah. Ihrem Sohn, den sie nicht geliebt kriegt, und der sie einfach so ans Leben fesselt. Kompromisse machen Löcher in die Menschen. Diese Löcher gehen nie wieder zu.

66633195

Mais ist die Geschichte von Heranwachsenden – eine Geschichte der Sehnsucht nach Anerkennung. Während Susanne provoziert, versucht Noah, nicht weiter aufzufallen – seine bloße Existenz scheint Provokation genug für andere zu sein. Susannes Rebellion wird zu Noahs Trägheit – in der die Zeit vergeht, Gegenwart erinnert und Erinnerung vergegenwärtigt wird. Dazwischen sucht Noah sich selbst, liebt andere. Wünscht sich einen Platz im Kopf der Mutter, wird Familienvater. Er zeichnet Comics, kreiert hier seine Geschichte, die noch keiner braucht – ohne Glitzer, ein fancy Staubfänger eben. In ihr würde Noah seine Mutter am liebsten auf den Mond katapultieren. Doch erst geht’s durchs gesamtdeutsche Maisfeld, bis das Mädchen Lila den beiden vors Vehikel springt. Lila liebt halbe Stunden, kleine Dinge und vor allem – wunde Punkte.

Und was ist die Überraschung? Es gibt keine. Nur wir hier, das ist alles.

66633197

Susanne und Noah begegnen sich im Andromedanebel – zwischen ostdeutschem Punk und fliegenden Popkörnern.

Mais spiegelt gesellschaftliche Kontexte in fiktiven Biografien, die auch immer die eigenen, ganz persönlichen sein können und erzählt von der Unmöglichkeit des anscheinend Selbstverständlichen: der Liebe zwischen Mutter und Kind.

66633206

___________________________________________________________________________________________________

Eine Produktion von Kultursprünge im Ballhaus Naunynstraße gemeinnützige GmbH, gefördert von der Einzelprojektförderung des Landes Berlin und der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin im Rahmen von We are Tomorrow. Der Text ist entstanden innerhalb der postmigrantischen Literaturwerkstatt “Rauş – Neue deutsche Stücke”, in Zusammenarbeit mit dem Maxim Gorki Theater und dem Kultur- und Gesellschaftsmagazin freitext, gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds.

Uraufführung 19. Februar 2015

____________________________________________________________________________________________________

Vortrag in Anklam – anläßlich der Regionalkonferenz Kunst und Kultur, Vorpommern-Greifswald

Vorwort

Julia Wissert, Regisseurin, über die gegenwärtige Verfasstheit des Theaters im deutschsprachigen Raum:
“Stadt- und Staatstheater spielen eine wichtige Rolle in der gegenwärtigen deutschen Kultur. Trotzdem oder gerade deswegen kämpfen sie zunehmend um ihre Legitimation. Debatten wie “Die Zukunft des Theaters” oder “Stadttheater reif für Reformen” suchen Antworten auf die Frage, wie es mit dieser Form des Theaters weitergehen soll. Rückläufige Besucherzahlen und sinkende Subventionen befördern das Abrutschen deutscher Bühnen in die Bedeutungslosigkeit. Einige Sprechtheater mussten auch schon schließen. Die künstlerische Qualität eines Hauses wird heutzutage vielfach nur noch an den Platzausnutzungsquoten gemessen.

Die wirtschaftlichen Zwänge, denen die Theater heutzutage unterliegen, münden vielmals in einer strukturellen oder künstlerischen Umorientierung. Ein Versuch ist beispielsweise mehr Publikum bzw. ein theaterfremdes, neues Publikum zu erreichen. Neben den wirtschaftlichen Herausforderungen, denen sich die Theater heute gegenüber sehen, wird ein Aspekt komplett vernachlässigt. Es ist die Frage, WIE die Gesellschaft aussieht, für die Theater gemacht wird. Und damit auch die Frage, WAS und vor allem WEN die Theater auf ihren Bühnen zeigen.” (aus SCHWARZ|MACHT|WEISS – 2014)

1. Raubkunst?!

Hätten wir uns freuen sollen oder hätten wir besorgt sein sollen, dass sich zwei der renommiertesten deutschen Theater und eines der bedeutendsten internationalen Theaterfestivals im deutschsprachigen Raum zusammen getan haben, um Jean Genets “Les Nègres” auf die Bühne zu bringen – zuerst in Wien, dann in Hamburg und anschließend in München?

Grund zur Vorfreude hätte es geben können, da sich drei Institutionen mit Zugang zu enormen künstlerischen, personellen und finanziellen Ressourcen eines radikal-provozierenden Textes annahmen, der seit seiner deutschen Erstaufführung 1964 in Darmstadt nur wenige Wieder-Inszenierungen erfahren hat.

Die Wiener Festwochen kündigten diese Koproduktion so an: “In Johan Simons’ Neuinszenierung des selten gespielten Stücks illustrieren einige Schauspieler mit beißendem Spott das rassistische Klischee vom ≫N***r≪, der eine weiße Frau sexuell missbraucht und sie dann tötet.”

Das indes mußte Besorgnis hervorrufen, denn wer spottet dann über wen? Weiße Schauspieler und Schauspielerinnen in Schwarzer Maskerade über letztlich tödliche Klischees, die von weißen Menschen erfunden wurden?

Besorgnis mußte auch hervorrufen, dass sich die Protagonisten nicht wirklich mit dem Gegenstand ihrer Unternehmung auszukennen schienen. Und damit meine ich sicherlich nicht, dass sie nicht wüssten, was Theater ist, wie und warum es funktioniert, noch, dass es nicht schon großartige Zeugnisse ihrer Theaterkunst gab und gibt.

Die Tatsache, dass Johan Simons, Intendant der Münchener Kammerspiele und Regisseur des Genet-Stückes, nicht zu wissen schien, wann Genet sein Stück geschrieben hat (nämlich vor mehr als 55 Jahren und nicht, wie er kürzlich in einem Radiointerview meinte, vor 30 Jahren), könnte entweder eine lässliche Ungenauigkeit sein, oder, und da wird es interessant, denke ich, ein Symptom für den unreflektierten Umgang mit widerständiger Kunst die nicht nach weißen Protagonisten fragt.

Sicherlich kann die Frage gestellt werden, ob ein Regisseur jetzt so genau das Entstehungs- und Veröffentlichungsjahr des Stückes das er inszenieren wird, kennen muss. Und, schließlich, möchte man einwerfen wollen, stehen dramatische Texte als Kunstwerke erst einmal für sich. Sicher. Steht ein Stück Literatur aber in so engem Kontext zur Wirklichkeit, wie es Genets Stück zweifellos ist, dann, denke ich, wird die Frage nach der Entstehungszeit, die Frage nach der Intention des Autoren essentiell. Denn: Genet schrieb sein Stück unter dem Eindruck der ‚damals‘ seit geraumer Zeit andauernden Befreiungsbewegungen und Befreiungskriege der Menschen in den kolonialisierten Staaten und anderer weltweit voranschreitender Emanzipationsbestrebungen bis dahin Unterdrückter.

1958 (das Erscheinungsjahr von “Les Negres”) setzt Frankreich radikal die von Roger Trinquier entwickelten, sich eng an die Prinzipien der Asymetrischen Kriegsführung anlehnenden Doktrin (auch Französische Doktrin) im sogenannten Algerienkrieg durch – die Folge ist die fast völlige Vernichtung der algerischen Freiheits- und Widerstandskämpfer. Die intellektuelle französische Öffentlichkeit ist empört über das grausamen Agieren der Militärs. Im selben Jahr beendet der Putsch d’Alger die Vierte Republik, die Fünfte wird ausgerufen, Charles de Gaulles wird Präsident. (Der Krieg gegen und in Algerien soll noch bis 1962 andauern.) Randnotiz: In den USA werden zwei Schwarze Jungen – sieben und neun Jahre alt – wegen sexueller Belästigung angeklagt und zu Arrest bis zu ihrem 21. Lebensjahr verurteilt, weil sie ein weißes Mädchen während eines Kinderspiels auf die Wange küssten. – Für Genet waren das tagesaktuelle Nachrichten. Für uns ist es Geschichte. Und Einige von uns sind auf unterschiedliche Weise persönlich mit dieser Geschichte verbunden.

Muss ein Regisseur sich des historischen Kontextes also bewusst sein? Und kann, wie in diesem Fall, die Ansprache des Autors zu seinem Text ignoriert werden?

„Das Stück ist“ schrieb Genet, „Schwarzen Darstellern auf den Leib geschrieben und für weiße durchaus ungeeignet.“

Und Genet schrieb:
„Dieses Stück, ich wiederhole es, ist von einem Weißen für ein weißes Publikum geschrieben. Aber wenn der unwahrscheinliche Fall eintreten sollte, dass es vor einem Schwarzen Publikum gespielt wird, müsste man für jede Vorstellung einen Weißen einladen – ganz gleich ob männlich oder weiblich. Der Veranstalter des Theaters wird ihn feierlich begrüßen, ihn in ein zeremonielles Gewand kleiden und ihn zu seinem Platz geleiten, am besten in der ersten Orchester-Reihe Mitte. Es wird für ihn gespielt. Dieser symbolische Weiße sollte während des gesamten Abends von einem Scheinwerfer angestrahlt sein. Und wenn kein Weißer zu dieser Vorstellung bereit ist? Dann soll man an das Schwarze Publikum beim Betreten des Saales Masken von Weißen verteilen, und wenn die Schwarzen sich diesen Masken verweigern, benutze man eine Puppe.“

Johan Simons kündigte im bereits erwähnten Radiointerview an, er werde, bis auf eine Ausnahme, das Stück von einem weißen Ensemble spielen lassen, obwohl er gleichzeitig feststellt, dass es in Genets Stück “um Schwarze Kultur, nicht um afrikanische, aber um Schwarze Kultur” ginge …

Ist das Ignorieren all dessen nun die wahrhaftige Umsetzung der Freiheit der Kunst, die wir uns verfassungsgemäß mit jeder Legislaturperiode neu garantieren oder ist es die unreflektierte Aneignung einer politischen, mit ästhetischen Mitteln geführten Schwarzen Widerstandskultur?

Das Wort Aneignung ließe sich durch das Wort Kolonialisierung ersetzen. Es ist, denke ich, hier das klarere, schärfere Wort. Kolonialisierung benennt den machtpolitischen Vorgang, der sich in dem weitergefassten Begriff cultural appropriation verbirgt, genauer.

Vor nicht allzu langer Zeit formulierte Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters Berlin, ebenfalls in einem Interview, sein Credo: “Theater ist immer auch das verfügende Nachdenken über den Anderen.” Nur, was tat das deutsche, das europäische Theater bereits seit Jahrhunderten? Es konstruierte den oder auch das Andere und räumte sich so das Vorrecht ein, eine Norm in Europa zu proklamieren, die mit weiß, heteronormativ, gebildet und ohne sichtbare körperliche, einschränkende Variationen zu beschreiben wäre.

2. Konstruktion eines Gegenbildes, um selbst unmarkiert zu bleiben – Deutungshoheit zu generieren –

Da sind sie wieder diese Plakate. “AFRIKA! AFRIKA!” schreien sie mich an. Kolonial-Impresario André Heller schlägt wieder zu: “Brandneu! Atemberaubend! Nie zuvor gesehen!” Jetzt bringt er seine “Zirkusextravaganz vom Kontinent des Staunens” auf die Theaterbühne – eigens dafür konzipiert. Raus aus dem Kirmeszelt! Rauf auf die Bürgerbühnen! Kommt Leute, Exotismus ist wieder en vogue!

AFRIKA! T-Shirt Key.indd

Vorbei die Zeiten, als Angelo Soliman nach seinem Tod die Haut abgezogen, mit Federn und Muscheln behängt im Kaiserlichen Naturalienkabinett ausgestellt wurde – als “Wilder”. – Der Mann beherrschte sechs Sprachen fließend, war Prinzenerzieher, Vize-Zeremonienmeister der Freimaurerloge Zur Wahren Eintracht. – Vorbei die Zeiten, da ein “Bewohner” des “Ashantidorfs” auf der Jesuitenwiese im Wiener Prater Ende des 19. Jahrhunderts dem Dichter Peter Altenberg ins Notizbüchlein diktierte: “Wir dürfen nichts anziehen, Herr, keine Schuhe, nichts, sogar ein Kopftuch müssen wir ablegen? Wilde müssen wir vorstellen, Herr, Afrikaner. Ganz närrisch ist es. In Afrika können wir so nicht sein. Alle würden lachen.”

6Angelo_Soliman

Angelo Soliman

Zyklisch, so scheint es, bedürfen weiße Europäer_innen der Selbstvergewisserung, dass sie immer noch die Kulturträger_ , die Erfinder_ und Fortgestalter_innen der Zivilisation sind. Und dieses Bild, das die sich wieder und wieder selbstgebärenden Gralshüter_innen der Hochkultur zurechtkrakeln, braucht ein Gegenbild.

Ist es interessant, dass Pöbel-Sarrazin neben menschenverachtenden Thesen rotzfrech lügen darf und trotzdem eine in die Millionen gehende Anhängerschaft hat? Er verkündet einfach ‘mal so, meistens ungefragt: “1,5 Milliarden Muslime und nicht ein einziger Nobelpreisträger.” Nicht das diese “Aussage” irgendeinen sinnstiftenden Gehalt hätte, ist es doch eine glatte Lüge. Denn da wären Muhammad Yunus (Frieden – Er ist übrigens Wirtschaftswissenschaftler (sic)), Schirin Ebadi (Frieden), Anwar as-Sadat (Frieden), Ahmed Zewail (Chemie), Abdus Salam (Physik), Orhan Pamuk (Literatur), Mohamed El Baradei (Frieden), Tawakel Karman(Frieden).

Da läßt sich ein Juror (Franz Wille) des Berliner Theatertreffens in einer öffentlichen Diskussion, im Versuch die Forderung vom Tisch zu wischen, Schwarze Schauspieler_innen im deutschsprachigen Raum ganz selbstverständlich mit Rollen wie dem Gretchen, dem Hamlet oder Faust zu besetzen, zu der Aussage hinreißen, dass man ja damit etwas sehr Rassistisches auf die Bühne bringen würde, denn immerhin vergewaltige Faust eine Minderjährige. Noch im Nachhören bleibt mir der Mund offen stehen. Mich wundert, dass die Theaterwelt nicht unterging, als Peter Brook vor nicht allzu langer Zeit eben jene Verwegenheit beging, und mit Adrian Lester einen Schwarzen Schauspieler den Hamlet spielen ließ. Immerhin treibt der die Ophelia erst in den Wahnsinn und dann in den Tod, mordet den Polonius und zwingt Claudius zum Selbstmord.

Nun denn, derlei Unsinn zu verbreiten, scheint unter weißen deutschen Hochkulturjournalisten gang und gäbe zu sein. Für Michael Laages gibt es gleich gar keine Schwarzen Schauspieler_innen in Deutschland, zumindest kennt er keine. Und der Mann ist Dozent für Theaterwissenschaft-Dramaturgie an der Technischen Universität Berlin!

– Zur Konstruktion des Gegenbildes – Rassismus als Werkzeug, Machtgefüge zu installieren –

3.Eine Anhäufung von Wissen, das vergessen werden muss!

Fand nach 1945 in Deutschland (und nicht nur hier) eine notwendige Rekonstruktion des_der aufgeklärten, mündigen, freien Künstlers_in statt, der_die Verantwortung übernahm für die vorherigen, verheerenden Ergebnisse der antijüdischen Tendenzen, der antijüdischen Diskriminierung, der antijüdischen Pogrome, der Shoah – Die zusammen mit dem II.Weltkrieg konstant als “eine der größten Katastrophen in der Geschichte der Menschheit”, als ein “Zusammenbrechen der Zivilisation”, als “Ende der Geschichte” gelesen wurde, obwohl all das Bestandteil der Geschichte der Kulturleistungen der Menschen ist. So wir denn die Ausübung von Macht als Kulturleistung lesen. – Fand also diese Rekonstruktion als innerlichster Wunsch, als Hoffnung auf ein besseres Morgen statt, so haben wir doch jetzt im Ergebnis immer noch ein Theater, eine Kultur der Segregation. Zumindest im institutionalisierten Bereich. Die Demarkationslinie dafür verläuft entlang der Konstruktionen von race, gender, class, ability und ethnicity – alte Bekannte in neuen Gewändern.

Das Paradoxe an dieser Entwicklung hin zu einer neuerlichen Kultur der Ausschlüsse ist sicherlich darin zu finden, dass versucht wurde an die Fäden anzuknüpfen, die die früh- und vormodernen, klassischen und modernen Aufklärer gesponnen haben. Von Luther über Locke, Kant, Hegel, Fichte bis zu Heidegger und Hannah Arendt. Es scheint irrwitzig, eine derartige Kette schmieden zu wollen. Einige Beispiele mögen die Berechtigung dafür belegen:

Martin Luther (1483-1546) schrieb in Von den Juden und ihren Lügen (1543), dass die Juden für “1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen” seien. Anschließend fügte er hinzu: “Jawohl, sie halten uns in unserem eigenen Land gefangen, sie lassen uns arbeiten in Nasenschweiß, Geld und Gut gewinnen, sitzen dieweil hinter dem Ofen, faulenzen, pompen und braten Birnen, fressen, sauffen, leben sanft und wohl von unserm erarbeiteten Gut, haben uns und unsere Güter gefangen durch ihren verfluchten Wucher, spotten dazu und speien uns an, das wir arbeiten und sie faule Juncker lassen sein […] sind also unsere Herren, wir ihre Knechte.”

Immanuel Kant (1724-1804) vereint in sich ebenfalls einen traditionellen Antijudaismus wie auch einen modernen Antisemitismus. Er bezeichnete die Juden als eine “Nation von Betrügern” und als “Vampyre der Gesellschaft”; außerdem unterstellte er ihnen eine “Gemüthsschwäche im Erkenntnißvermögen”. Und Kant kam zu dem Schluß: “Die Euthanasie des Judentums ist die reine moralische Religion.” Als einer der Konstrukteure der Rassentheorien entwarf er auch eine Hierarchie der Menschen: “Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. Die gelben Indianer haben schon ein geringeres Talent. Die N***r sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften. […] Die N***rs von Afrika haben von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege.”

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) In seinen Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte (1837) schrieb Hegel: “Der N***r stellt den natürlichen Menschen in seiner ganzen Wildheit und Unbändigkeit dar. […] Es ist nichts an das Menschliche Anklingende in diesem Charakter zu finden.” Und den afrikanischen Kontinent beschreibt Hegel als “Kinderland, das jenseits des Tages der selbstbewussten Geschichten in die schwarze Farbe der Nacht gehüllt ist. […] Bei den N***rn ist […] ist Charakteristische gerade, dass ihr Bewusstsein noch nicht zur Anschauung irgendeiner festen Objektivität gekommen ist.”

Es folgen Lichte, Diderot, Rousseau, Voltaire, Heidegger. Der Tenor ist bei allen derselbe. Alles lupenreine Antisemiten und/oder Rassisten.

Hannah Arendts (1906-1975) erscheinen in dieser Liste, scheint hier die irrwitzige Pointe zu sein. Und dennoch: die Vielgeehrte, deren Doktorvater Heidegger war, schrieb in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1951) dass die “N***r” selbst mitschuldig seien am Rassismus, denn die “Rassen” Afrikas und Australiens zeugten von einer “katastrophenhaften Einförmigkeit ihrer Existenz” und seien “bis heute die einzigen ganz geschichts- und tatenlosen Menschen, von denen wir wissen, [… ] die sich weder eine Welt erbaut noch die Natur in irgendeinem Sinne in ihren Dienst gezwungen haben”. Und weiter: “Der biblische Mythos von der Entstehung des Menschengeschlechts wurde auf eine sehr ernste Probe gestellt, als Europäer in Afrika und Australien zum ersten Male mit Menschen konfrontiert waren, die von sich aus ganz offenbar weder das, was wir menschliche Vernunft, noch was wir menschliche Empfindungen nennen, besaßen, die keinerlei Kultur, auch nicht eine primitive Kultur, hervorgebracht hatte, ja, kaum im Rahmen feststehender Volksgebräuche lebten und deren politische Organisation Formen, die wir auch aus dem tierischen Gemeinschaftsleben kennen, kaum überschritten. […] Hier, unter dem Zwang des Zusammenlebens mit schwarzen Stämmen, verlor die Idee der Menschheit und des gemeinsamen Ursprungs des Menschengeschlechts, wie die christlich-jüdische Tradition des Abendlandes sie lehrt, zum ersten Mal ihre zwingende Überzeugungskraft, und der Wunsch nach systematischer Ausrottung ganzer Rassen setzte sich umso stärker fest.”

Sich im Selbstverständnis der “Aufklärung” zu verorten, bedeutet auch sich im Selbstverständnis der Macht zu verorten, denn letztendlich waren es neben anderen eben diese Aufklärer, die die Instrumente, die Werkzeuge, den Überbau für Macht und den Überbau für das heutige Selbstverständnis der kulturellen und politischen Eliten unserer Gesellschaft entwickelten.

4. Mögliche Rekonstruktion einer Parabel

1603 erlebt Shakespeares Tragödie “Othello” ihre Uraufführung.

Mögliche Inspiration erhielt Shakespeare durch Cinzios (Giambattista Girialdi) Erzählung “Il Capitano Moro”.
Alessandro de’ Medici, Herzog von Florenz, war (pi mal Daumen) ein Zeitgenosse Cinzios. – Als gebildeter Mensch dürfte er von ihm gewußt haben. – Alessandro trug den Beinamen ‘Il Moro’, Alessandro war Schwarz.

Allesandro de' Medici

Und eine weitere mögliche Inspiration mag ein Ereignis von 1600 gewesen sein.

Abdel-Ouahed ben Messaoud war im Jahr 1600 *maurischer* Gesandter am Hof Königin Elizabeth’ I. Sechs Monate verhandelte er mit der Königin im Auftrag von Ahmad al-Mansur, dem marokkanischen König, über eine marokkanisch-englische Alliance gegen Spanien. Es wird vermutet, daß dieser Botschafter eine weitere Inspirationsquelle für Shakespeares ‘Othello’ war.- Es gibt ein Portrait von Abdel-Ouahed ben Messaoud, das heute im Shakespeare Institut in Stratford-upon-Avon zu sehen ist. (Schauen Sie sich das Bild an, dann werden Sie sehen, daß der Botschafter keineswegs Schwarz war – Bart- und Haupthaar indes schon.) Auf diesem Bild ist folgendes zu lesen: LEGATUS REGIS BARBARIÆ IN ANGLIAM – Königlicher Botschafter der Barbaren in England. – 1585 gründete Königin Elizabeth I. eine Handelsgesellschaft, die sogenannte Barbary Company (oder auch Marocco Company). Die Patente an dieser Handelsgesellschaft gab die Königin an 42 englische Hochadlige aus. Diese Handelsgesellschaft garantierte einen exklusiven Handel zwischen den Königreichen von England und Marokko für erst einmal 12 Jahre – letztendlich bestanden die Privilegien bis weit ins 18. Jhd. hinein.

Abdel-Ouahed ben MessaoudAbdel-Ouahed ben Messaoud

Nun hat die weitaus größere Rolle (gemessen am Textumfang) in Shakespeares “Othello” Jago. Jago ist eine Verkürzung des Namen des Hl. Santiago – der Maurentöter und Schutzpatron Spaniens. (Ganz zu Anfang des Stückes läßt Sh. ‘Jago’ sagen: “… you’ll/ have your daughter covered with a Barbary horse …” – “Barbary horse” – Barbary Company – ein Zufall?)

Bei Cinzio rächt sich der ‘Fähnrich'(‘Jago’) für die Zurückweisung durch ‘Desdemona’. Shakespeare läßt seinen ‘Jago’ (das feindliche Spanien) eine fürchterliche Intrige spinnen, die letztendlich ‘Desdemonas’ (Englands, Elizabeth’s) Tod zur Folge hat. Desweiteren, eher “kollateral” fällt ‘Othello’ durch eigne Hand und ‘Jago’ (Spanien) wird angeklagt.

Bei Cinzio ist die Moral: Oh, Ihr europäischen Frauen laßt Euch nicht mit afrikanischen Männern ein! Bei Shakespeare scheint es subtiler: Schmiedet England die falschen Alliancen gegen mächtige Feinde, wird es fallen.

5. Die Schwarze Figur wird auf der europäischen Bühne etabliert – als Karikatur –

Schwarz wurde ‘Othello’ erst im späten 19. Jhd. (Sie können das an den bildlichen Darstellungen durch die Jahrhunderte verfolgen.) Und doch, selbst Laurence Olivier zog einer kompletten Blackface-Maskerade ein “dezenteres” Make-up vor. Schwarz mußte Othello werden, um (und jetzt sind wir tatsächlich an einem widerlichen, obgleich machtpolitisch verständlichen, Punkt) zu rechtfertigen, warum Schwarze und nicht-weiße Menschen eben nicht integraler Bestandteil der europäischen Gesellschaften, insbesondere der Eliten, sein “dürfen” (Obwohl sie es durch alle Jahrhunderte hindurch waren und sind.) Schließlich mußte die Kolonialisierung, die Versklavung gerechtfertigt werden. Victor Hugo kommt zu folgendem Schluß: “Was ist Othello? Das ist die Nacht. Eine gewaltige, fatale Gestalt. Die Nacht ist verliebt in den Tag. Die Finsternis liebt die Morgenröte, der Afrikaner betet die Weiße an. Desdemona ist für Othello die Klarheit und der Wahnsinn. Deshalb verfällt er der Eifersucht so rasch. […] Die Eifersucht verwandelt den Helden jäh in ein Ungeheuer, der Schwarze wird zum N****. Es ist, als ob die Nacht dem Tod ein rasches Zeichen gegeben hätte. […] Was könnte schrecklicher sein für die Weiße und die Unschuld als Othello, der N**** . […] – Auch das könnte selbstverständlich nur eine Reflektion über Kunst, über Theater sein. Bei einem derartig öffentlich politisch bewegten Intellektuellen und Künstler, wie Hugo es zweifellos war, sehe ich letztendlich doch nur einen Vertreter des geistigen Establishments seiner Zeit – mit Ausstrahlung bis in unsere Zeit.

8Alexandre Dumas d.Ä.

Alexandre Dumas d.Ä.

Nebenbei: Victor Hugo und Alexandre Dumas d.Ä. wurden im selben Jahr geboren. Und darüber hinaus dürften Thomas Alexandre Dumas (Davy de la Pailleterie) und der Chevalier de Saint-George (“Le Mozart noir“ ) Hugo bekannt gewesen sein.

7Thomas Alexandre Dumas

Thomas-Alexandre Davy de la Pailleterie, General in der napoleonischen Armee

Vater von Alexandre Dumas d.Ä.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAJoseph Bologne, Chevalier de Saint-Georges, brillanter Fechter, Eisläufer, Komponist, Dirigent, Hauptmann der Garde Nationale

6. Fazit

Deutschsprachige und europäische Theaterliteratur MUSS ausschließlich von weißen Menschen gespielt werden, lese und höre ich oft, denn es gäbe ein “Nationales Gedächtnis”. – Nicht, daß mir dieser Begriff behagt, aber, ich nehme ihn für einen Moment Ernst: Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben haben unterschiedliche Lebenserfahrungen – das wird niemand leugnen können – daraus ergeben sich unterschiedliche Positionierungen, unterschiedliche Perspektiven. Jedoch: Solange wir nicht anerkennen wollen/können, daß wir ALLE (die wir künstlerisch, wissenschaftlich, politisch arbeiten) Repräsentant_innen EINER Gesellschaft sind, solange wir uns die Frage (nur zum Beispiel auf Berlin bezogen), WER ist das DEUTSCHE Theater, WER ist das BERLINER Ensemble, WER ist die VOLKsbühne nicht (neu) beantworten, werden wir uns nicht wirklich eines tatsächlichen, gemeinsamen “Nationalen Gedächtnises” bewußt sein.

Im Übrigen: Zwei der prominentest platzierten Filme des letzten Jahres (“Lincoln” und “Django Unchained”) die die “Sklaverei” (besser doch “Versklavung”) zum Thema hatten, verzichteten konsequent darauf die (wahre) Geschichte der UNDERGROUND RAILROAD zu erwähnen. Warum erzählen etablierte Künstler_innen, Kunstproduzent_innen diese Geschichten nicht? Prinzip, Desinteresse, Nachlässigkeit, Unwissen (sicher nicht)?

Der Kleine Prinz – Theater Magdeburg

Kleine Kritik in “Ottokar – Das Magdeburger Familienmagazin”

Das Schauspielhausfoyer wurde für die Inszenierung in schwarze Vorhänge gehüllt. In der Mitte eine gesteppte Wüstenlandschaft mit den Wrackteilen eines Flugzeugs. Hier ist der Pilot abgestürzt, … weiterlesen hier >>>

http://www.ottokar.info/magazin/aktuelles/%E2%80%9Edie-gro%C3%9Fen-leute-sind-entschieden-sehr-sonderbar%E2%80%9C/

Der kleine Prinz

Nach dem Märchen von Antoine de Saint-Exupéry.

REGIE Atif Hussein

BÜHNENBILD & KOSTÜME Leif Eric Heine

Premiere 5. Oktober 2014, Theater Magdeburg

 

Der-kleine-Prinz_Probe_092_Foto_Andreas_Lander

Lena Sophie & Konstantin Marsch

 

PRINZ

Ich dachte, ich hätte eine Rose, die einzig ist. Aber sie ist nur eine unter vielen.

FUCHS

Nein. Diese hier ähneln zwar deiner Rose, aber schau sie genau an. Was macht deine Rose einzig in der Welt?

PRINZ

Ich bin mit ihr vertraut! Sie hat mich gezähmt.

Oscar

_MG_0166

Puppentheater Magdeburg
Premiere 2. Oktober 2014

REGIE Moritz Sostmann
PUPPEN Atif Hussein
BÜHNE Christian Beck
KOSTÜME Elke von Sivers
SPIEL Claudia Luise Bose, Gabriele Grauer, Freda Winter, Richard Barborka, Florian Kräuter, Lennart Morgenstern & Leonhard Schubert

twenty.fifteen – into the unknown

10636888_1470481816555901_3755388093793744124_o

Kuenda productions presentiert

twenty.fifteen
von Olufemi Terry

in Koproduktion mit der Schauburg München, dem Goethe Zentrum/Zimbabwe German Society Harare, der Alliance Française de Harare, der Faculty of Arts/University of Zimbabwe, dem Theater im Pfalzbau Ludwigshafen und AFRICTIONS – Captured by Dance Festival für zeitgenössischen Tanz aus Afrika

Choreographie Olivia Marinoni – Antonio Bukhar
Regie Atif Hussein
Idee, Ausführende Produktion und Dramaturgie Cindy Jänicke
Musik Hope Masike – Kilian Unger – Mubirigwe Ronald Kibirige – Pro Beatz
Tanz Maylene Mountford – Pascale Firholz – Yeukai Zinyoro – Antonio Bukhar – Kelvin Campbell – Rockey Lionel Tanaka
Schauspiel Tafadzwa Hananda – Tobias Schulze
Kostüme Fatsani Gladys Kulera
Spielfassung Cindy Jänicke – Atif Hussein – Tobias Schulze

Premiere 19. September 2014, Harare
_______________________________________________________


_______________________________________________________

10628281_1474425369494879_2349523098664159120_n

Tina
“You don’t know any Zimbabweans. You came here with all your German ideas. You’re not interested in what people here need. You don’t know anything about their hopes, their feelings, about their struggles, their love and their culture. You know what, Greta, I don’t want to become just another German expat here in Harare. Like you! Too clueless to be aware of your own racism.”
_______________________________________________________

10712758_1474425386161544_3914264448307771248_n

“Judge knows about Cambridge, knows about chances, knows about all the possibilities that could be there after studying abroad. Since the night at the arts center with Tina his mind was spinning around. He can not imagine to leave his family, the fear of losing his home, his roots, his life stopped him from sending the papers in. He is struggling with the idea, that this world “abroad” could change him, could make him another person or even could make him leave his country forever.”
_______________________________________________________

10685344_1474425189494897_1418032796283401908_n

10665164_1474425182828231_8959681785114289837_n

10659204_1474425339494882_2046085531527601548_n

10647246_1474425256161557_6697188906099510576_n