Augsburg, 30. Bayerische Theatertage, Räuber.Hood.Kneissl

“Robin Hood und Räuber Kneissl – zwei, die es in sich haben und die sich eines Tages im Augsburger Stadtwald begegnen und als echte Helden beschliessen, gemeinsam auf eine sehr spezielle Räuberei zu gehen. Und so unterschiedlich die beiden auch sind, in ihrer Brust schlägt das Räuberherz und das macht sie mutig, dreist und wild. Die Leute lieben sie, denn sie teilen ihre Beute mit denen, die nichts haben. Sie sind die Helden der bayerischen Wälder. Und sie sind knallhart, ausser wenn die Dame Marianne auftaucht. Keiner weiss warum die so heisst, aber dann klappt gar nichts mehr und wenn dann auch noch der Sheriff vom Sulzemoos kommt, dann heisst es: in den Busch und Büchse raus!”

Cindy Jänicke © 2012BildBildBildBildBildBildBildBild

Abwehrreflexe

Werner Buhss, Theaterautor und Übersetzer erstellte Ende der 90er Jahre des 20. Jhd. eine neue deutsche Fassung von Schakespeares “The Tragœdy of Othello, the Moor of Venice”. Er (W.Buhss) gab seiner Übersetzung den Titel “Othello. Venedigs Neger”. Im Text selbst muß er das Wort dann exakt siebenundfünfzigmal benutzen – wahrscheinlich um zögerlichen Zweiflern verständlich zu machen, worum es ihm geht …

Da ich zu den Zweiflern gehöre, fragte ich nach.

Mit einer Anfrage an den Henschel-Verlag am Montag, 30. April 2012 fing es an:

Sehr geehrte Frau Czesienski,

ich habe gerade mit einer Ihrer Kolleg_innen telefoniert, Frau Westermaier. Sie verwies mich mit meiner Frage an Sie. Es geht um die Übersetzung von Shakespeares “Othello” durch Werner Buhss. Diese Fassung wird am 17. Mai im nt in Halle (Saale) zur Premiere kommen. Gibt es eine Erklärung oder Begründung, warum Werner Buhss in Titel und Text ostentativ das (Un)Wort N***r benutzt? Dieses Wort ist durch seine in der Geschichte entstandene Bedeutung in der öffentlichen Kommunikation tabuisiert, in speziellen Fällen sogar inkriminiert. Ich vermute also, eine hinreichende Erklärung für die Verwendung durch Werner Buhss, Ihren Verlag, und die Theater, die diese Fassung spielen (und die damit verbunde Veröffentlichung in Print- und elektronischen Medien) wird es geben. Für eine Antwort wäre ich Ihnen sehr dankbar.

Herzliche Grüße

Atif Hussein

Doch nicht der Verlag antwortete, sondern Herr Buhss selbst.
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Montag, 7.Mai 2012

hallo, herr hussein,

der verlag wird Ihnen auch irgendwas schicken. aber ich finde es besser, wir reden selbst miteinander.

der begriff unwort entstammt der mediengesellschaft. hierzulande wird jedes jahr ein unwort gekürt. ich kann mich nur noch an eins erinnern, schon ein paar jahre her, das hieß: kolateralschäden. ich erinnere einen englischen nato-sprecher und den damaligen deutschen verteidigungsminister, die dieses wort strapazierten. danach war es umgangssprache, in allen möglichen varianten, als witz, ironisch, empört, gelassen. ein wort, einmal in die welt gelassen, ist eigentum der welt, respektive der sprachgruppe, aus der es kommt, und der sprachgruppen, in die es kongruent übersetzt wird.

es gibt keine unworte. man kann in worten achtung und verachtung ausdrücken. das hängt vom sprecher und vom zusammenhang ab. ein wort mag bei dem einen oder dem anderen besondere assoziationen und/oder empfindungen auslösen, die haben aber keine deutungshoheit. die schlimmste worterfindung, die ich kenne, ist untermensch. das hat die generation meines vaters gebraucht. nur, das wort gibt es. unauslöschlich. und es wird, hoffentlich in einem anderen zusammenhang wieder benutzt werden.

lieber herr hussein, sollte ich Ihre gefühle verletzt haben, kann ich erst dann um verzeihung bitten, wenn Sie sich das stück in halle angesehen haben. ich werde bei der premiere anwesend sein. danach stehe ich Ihnen zur verfügung.

hochachtungsvoll

werner buhss

Meine Antwort.
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Dienstag, 8.Mai 2012

Sehr geehrter Herr Buhss,

ich verlangte nicht, dass Sie mich um Verzeihung bitten. Vielmehr erbat ich eine Erklärung, warum Sie in Ihrer “Othello”-Übersetzung das N-Wort benutzen. Einen kurzen Verweis darauf, wie Wörter entstehen und, möglicherweise, durch ihre Verwendung ihre Bedeutung ändern, erachte ich nicht als erhellend.

Zur Premiere am 17. Mai werde ich nicht kommen, da ich an diesem Tag selbst Premiere habe. Im Übrigen befürchte ich, dass dies, selbst, wenn ich zeitlich die Möglichkeit hätte, keine gute Idee ist. Mich wieder und wieder durch Angehörige der weissen Dominanzkultur retraumatisieren zu lassen, kann nicht Sinn meines Lebens sein. Und ich denke, um dieses Thema zu besprechen, muss ich nicht der Gedemütigte sein. Wie könnten wir uns unter derartigen Umständen auf gleicher Augenhöhe begegnen?

Ich bitte Sie also noch einmal um ein Erklärung, denn ich vermute (immer noch), dass es eine gibt.

Hochachtungsvoll

Atif Hussein

 

 

Mit folgender kurzen Mitteilung beschloß Herr Buhss dann das “Gespräch”.

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Dienstag, 8. Mai 2009

sehr geehrter herr hussein,

es gibt eine ganz einfache erklärung: othello ist ein söldner, ein (zugegeben) edelsklave, einen köter, den ein patrizier nicht im haus haben möchte, schon gar nicht als schwiegersohn. weder shakespeare noch ich sind rassistisch, rassismus ist eins der themen des stücks, und vor allem es ist seine atmosphäre, in der sich alle konflikte entfachen.

was Sie mir da unterstellen, verbuche ich einfach als ulk.

tschüs und hochachtungsvoll

werner buhss