Tyrannen

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Ödipus:
Ja, ich habe einen Mann erschlagen. Einen alten Mann in einem Wagen! Wieso versperrte mir der blöde Alte auch den Weg. Hätte er nicht warten können, bis ich an ihm vorbeigegangen war. Er hoch auf seinem Wagen mit seinen Männern. Und ich zu Fuß. Der Weg, er war viel zu eng für uns. Das hätte er doch einsehen können. Aber nein, sie stellen sich mir in den Weg und drohen mir, dann schlagen sie mich. Auch der Alte schlug mich nieder. Mit seinem Pferdestachel. Hier hinter das Ohr hat er mich schwer getroffen. Sein Gewand war getränkt von meinem Blut. Und das soll ein Vater sein, der so etwas tut. Wie hätte ich mich nicht wehren sollen gegen ihn. Hätte ich mich erschlagen lassen sollen. Ich habe einen Mann erschlagen. Aber nicht meinen Vater.

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Tyrannen

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Ismene:

Wer kennt meinen Namen jetzt? Wer haucht ihn mir ins Ohr und berührt mit seinem jungen weichen Bart meinen Hals? Wessen Lippen küssen meine Brüste? Wessen Hände öffnen meine Schenkel?

Tyrannen

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Kreon:
Habe ich denn nicht alles getan für diese Stadt? Habe ich denn nicht alles aufgegeben, um diese Stadt zu retten. Ich nahm Ödipus von uns. Von dem schon alle lange wußten, daß er der Üble ist, daß durch seine Schuld die Stadt erkrankte. Ihr ward doch alle froh, daß ich tat, wozu ihr nicht in der Lage ward.

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Noch besinnungslos von seiner Bluttat stürzt Ödipus in Richtung Theben.

Kaum hat er durch das Laufen die Kontrolle über seinen Geist zurückgewonnen, da schlägt ihm der beißende, todbringende Atem, der die Stadt geißelnden Sphinx entgegen.

Fassungslos muß er sehen, wie die Sphinx ein ums andere Mal sturzfliegend auf die Stadt niedergeht und aus dem schwefeligen Nebel, der auf den Dächern lastet, mit bluttropfendem, menschenvollem Maul emportaucht, auf einem Felsen diesseits der Mauer Rast sucht und ihre grauenhafte Mahlzeit einnimmt.

Unendlicher Zorn ersetzt seine Fassungslosigkeit. Er rennt über einen schmalen Pfad den Felsen empor und baut sich vor der müde gefressenen Kreatur auf und ruft sie, brüllend, an. Was der Grund für ihr abscheuliches Tun ist, will er wissen.

Die Antwort der Sphinx läßt ihn erschauern. „Weil ich es kann.“, entgegnet sie ihm.

Was sie abhalten könnte, fortzufahren, überlegt Ödipus, laut.

Fasziniert vom Mut dieses Mannes, verrät die Sphinx ihm den einzigen Weg, sie zu besiegen: Das Rätsel zu lösen, bringt die Erlösung.

Ödipus verlangt das Rätsel zu hören.

Die Sphinx zeigt sich amüsiert über Ödipus’ Hartnäckigkeit. Ein Mann nach ihrem Geschmack, nach Monaten des Wehgeschreis und Jammerklagens: „Was geht am Morgen auf vier Beinen, am Mittag auf zweien und am Abend auf dreien und ist  am schwächsten, wenn es die meisten Beine benutzt?“

„Der Mensch!“, schreit Ödipus. „Als Kind krabbelt er auf allen vieren. Erwachsend stellt er sich auf zwei und dann im Alter sucht er Halt auf einem Stock. Der Mensch!“

Die Sphinx das hörend, schreit mit tausend Schreckensstimmen auf und stürzt sich sterbend in die Tiefe.