Tyrannen

Auf das Puppenspiel “Tyrannen”

 

Die Menschen an den Puppen ordnen sich

zu dieser Schlacht ans Ende der Figuren.

Auf schmalem Steg, von dem nicht einer wich,

türmen sich ihre unsichtbaren Spuren.

Erst Ödipus, Kreon, Antigone,

dann Teiresias – gehen mit dem Schicksal auf

und unter. Abgeschossen wie ein Reh

auf planer Lichtung, kommt herauf

ein zweites Mal: Ismene, doch man sieht sie nicht:

Die Spielerin, keuchend im Bühnenlicht,

sie steht, als wär es wichtig dazusein,

im Rücken all die Spieler aufzureihn,

das Leben – Skizze, wie aus halbbehaunen Steinen.

Die Puppe zappelt jetzt in unsern Beinen.

Ralf Meyer

Die großen Dionysien

Das hölzerne Bild des Gottes Dionysos wurde feierlich in die Stadt geholt, eine Prozession fand statt, eine stattliche Menge von Tieren wurde geopfert, das Fleisch in großen Banketten an die Bürger verteilt. Es gab einen Wettkampf von Chören. Vier Tage waren für dramatische Vorführungen reserviert, drei davon für Tragödien, einer für Komödien; an jedem der drei Tage führte man zuerst drei Dramen je eines Dichters auf, danach folgte ein Satyrspiel; am vierten Tag folgte jeweils eine Komödie. Die zur Aufführung gebrachten Werke unterlagen einer regelrechten politischen Kontrolle: Die Dichter reichten ein knappes Jahr vorher ihre Texte beim obersten Archon ein; der entschied, welche drei Tragödiendichter ihre Stücke aufführen durften. Diesen wurde ein “Chorege” zugewiesen, d.h. ein reicher Bürger, der die Chöre und die Schauspieler ausstattete und die Kosten für die Proben und die Aufführung übernahm. Siegte ein Dichter beim Wettkampf, dann siegte sein “Chorege” stets mit. Über die Bewertung der Tragödien ließ man in Athen nicht das Publikum abstimmen, wie das in Sizilien der Fall gewesen zu sein scheint. Der Rat der Fünfhundert erstellte eine Namensliste; aus dieser wurde die Jury ausgelost, und zwar so spät wie möglich, um Beeinflussungen zu vermeiden. Man kann hochrechnen, daß in Athen im 5. Jahrhundert v. Chr. über tausend Tragödien produziert wurden.

Das rituelle Ensemble, in dem die Aufführungen stattfanden, setzte zusätzliche Akzente, die den Bürgern signalisierten, was im Zentrum der nun folgenden Stücke stand: In das mit etwa siebzehntausend athenischen Bürgern gefüllte Theater (…) zogen die soeben erwachsenen Kriegswaisen feierlich ins Theater ein, in Waffen und voller Rüstung, die ihnen von der Stadt übergeben wurden. Ein Herold stellte sie vor: “Diese jungen Männer, deren Väter als tapfere Männer gefallen sind, sind auf Kosten des Volkes bis zur Volljährigkeit aufgezogen worden; nun hat das Volk sie mit der Rüstung ausgestattet und entläßt sie mit allen guten Wünschen aus seiner Obhut.” Dann wies er ihnen gesonderte Ehrensitze an.

Egon Flaig

Eiliges Entscheiden: ein Dilemma der athenischen Politik

In der athenischen Politik war Schnelligkeit gefragt. Das hatte zwei Gründe: Zum einen funktionierte die athenische Politik ohne Parteien. Die wichtigsten Entscheidungen wurden nicht von einer Regierung getroffen; es gab in unserem Sinne gar keine “Regierung”. Die wichtigsten Entscheidungen wurden allesamt in der Volksversammlung beschlossen. Zum anderen mußten die politisch aktiven athenischen Adligen vor der Volksversammlung reden, Vorschläge einbringen, die Bürger davon überzeugen, daß ihr Vorschlag besser war als andere. Sie mußten dann bei der Abstimmung über die Anträge die Mehrheit der Stimmen gewinnen. Sie mußten immer darauf pochen, daß ihr Antrag “zum Besten der Stadt” ist. Diese Politiker wurden nicht unterstützt von Parteien, sondern nur von ihren “Freunden”. Wenn sie sich profilieren wollten, um sich etwa zum Strategen wählen zu lassen – jedes Jahr wurden 10 Strategen gewählt -, dann mußten sie ständig präsent sein, immer wieder überzeugende Reden halten und “gute” Anträge stellen. Viele Anträge wurden in derselben Sache gestellt, und eine scharfe Konkurrenz herrschte zwischen den Antragstellern. Die Abstimmung am Abschluß entschied jedesmal, wer den “Sieg” davontrug, wer diesmal mehr Ruhm und Ansehen gewann als seine Konkurrenten. In diesem politischen Feld bildete sich rasch ein “Habitus” der Politiker heraus: Sie mußten schnell auf Situationen reagieren, nicht nur auf außenpolitische – die brisantesten politischen Themen waren immer außenpolitische -, sondern auch auf neue Argumente, welche ihre Gegner in die Debatte einbrachten. Das hatte zur Folge, daß sich die Willensbildungsprozesse außerordentlich beschleunigten – in einem Maß, daß für andere griechische Städte unbekannt, unbegreiflich und sogar unheimlich war. Die Bürgerschaft neigte dazu, diejenigen Politiker zu bewundern, deren Vorschläge zu Erfolgen führten. Ehrgeizige Politiker, die man keineswegs abwertend “Demagogen” (Volksführer) nannte, standen aber unter dem Druck, nicht nur erfolgversprechende Anträge zu formulieren, sondern auch neuartige, gewagte oder geradezu verwegene. Aus dieser Art von politischer Willensbildung ergab sich ein Zwang zur Überbietung, zur Steigerung; und der konnte zu Entscheidungen führen, die für die Bürger nie gekannte Risiken mit sich brachten.

Egon Flaig

Die reine Gemeinschaft und ihre Beflecker

Jahr für Jahr wird beim Thargelienfest die Polis Athen von allen Befleckungen gereinigt. Dazu nahm man zwei Sündenböcke, die man durch die Stadt führte und peitschte, dann über die attische Grenze hinausjagte, falls sie nicht schon bei dieser Hetze umkamen. Leider gebrauchten die Athener dafür nicht Hammel wie die Israeliten, sondern Menschen. Man nannte diese Sündenböcke “Pharmakoi”. In dem Wort ist der Doppelsinn von Verfluchung und Heil enthalten: indem man die Unreinheit auf einen ablädt, stößt man diesen zugleich aus der Gemeinschaft der Götter und Menschen aus; gerade dadurch bringt er aber der Gemeinschaft das verlorene Heil zurück. Dieses Ritual wurde in unterschiedlichen griechischen Städten bis zur Durchsetzung des Christentums in der Spätantike praktiziert.

Egon Flaig

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