Oscar

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Puppentheater Magdeburg
Premiere 2. Oktober 2014

REGIE Moritz Sostmann
PUPPEN Atif Hussein
BÜHNE Christian Beck
KOSTÜME Elke von Sivers
SPIEL Claudia Luise Bose, Gabriele Grauer, Freda Winter, Richard Barborka, Florian Kräuter, Lennart Morgenstern & Leonhard Schubert

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“Der gute Mensch von Sezuan”Wenn die Puppen Trauer tragen

Shen Te wird von Annika Schilling, Magda Lena Schlott und Mohamed Achour geführt. (Foto: Lefebvre)
Schauspielstart in Köln: In “Der gute Mensch von Sezuan” ist die Prostituierte Shen Te lebendiger Beweis dafür, dass die materiellen Verhältnisse ein moralisches Leben verhindern.
Es ist ein Schauspiel mit Puppen.
Von Hartmut Wilmes, 30.09.2013, Köln.
Wenn Shen Te tanzen will, kann sie das nicht allein. Man muss ihre Arme anmutig in die Luft heben und ihre Beine im Takt überkreuzen, denn Shen Te ist eine Puppe. Doch wenn sie dann tanzt, vergisst man ihre menschlichen Helfer und fühlt sich wie in Wong Kar-wais Melodram “In the Mood for Love”.

Derart traumhafte Momente traut wohl nicht jeder Brechts Lehrstück “Der gute Mensch von Sezuan” zu. Darin ist die Prostituierte Shen Te lebendiger Beweis dafür, dass die materiellen Verhältnisse ein moralisches Leben verhindern. Die zur Erde gesandten Götter sind zwar erfreut, dass sie ihnen als einzige ein Nachtlager anbietet und sehen darin den Beweis für die Richtigkeit ihrer Schöpfung. Mit ihrem Lohn kauft sich Shen Te einen Tabakladen, wird jedoch bald von Sezuans Hungerleidern derart zur Ader gelassen, dass sie einen strengen Vetter namens Shui Ta erfindet, um ihren schwindenden Wohlstand zu schützen.

Regisseur Moritz Sostmann, einst in der DDR mit Brechts Botschaften traktiert, treibt dem Stück im Depot 2 ebenso poetisch wie komisch alles Doktrinäre aus. Wunderbar, wie der verhinderte Flieger (Mohamed Achour) im nur per Gartenschlauch erzeugten Regen Selbstmord begehen will, brüllend komisch, wie sich das Lumpenproletariat im Müllcontainer um die besten Plätze balgt. Diesen derb typisierten Handpuppen von Franziska Müller-Hartmann stehen die fein gearbeiteten Menschenpuppen Atif Husseins gegenüber: Wasserverkäufer Wang, dem sich der Gram ins Gesicht gekerbt hat, die traurig-schöne Shen Te, ihr eleganter “Vetter” oder die mondäne Mutter des Fliegers. Sostmann bricht sekundenschnell die Stimmung: von knalliger Karikatur in tiefste Verzweiflung. Dass die Puppen hier sichtbar von Menschen geführt werden, schafft einen Kokon des Kümmerns und einen ganz eigenen Zauber.

Und Sostmann zeigt eben kein Puppenspiel, sondern ein Schauspiel mit Puppen. Magda Lena Schlott führt nicht nur (unterstützt von ihren Kollegen) Shen Te, nein sie verwandelt sich später auch in den “Engel der Vorstädte”. Und sie setzt als schlank-eleganter Shui Ta (der erst spät auch als Puppe auftritt) den strengen Kontrapunkt zur selbstmörderischen Güte. Puppen werden Menschen und ungekehrt – das alles spielt sich im unbehauenen Industrie-Ambiente von Christian Becks Bühne in Windeseile ab. Die Kostümwechsel im Halbdunkel verlangen äußerste Präzision, denn hier sind alle als wispernde Götter und in etlichen anderen Rollen gefordert. Annika Schilling überzeugt als Schlampe und kapriziöse Maklerin, Philipp Plessmann ist nicht nur einer der “Erleuchteten”, sondern steuert die Arrangements der Songs von Paul Dessau bei.

Einsame Klasse: Stefko Hanushevsky, der allein im Turbo-Requisitenwechsel mit Brille, Pappnase und Schirmmütze drei Charaktere glaubhaft macht – bravourös. Dieses äußerlich arme Theater erzeugt seinen inneren Reichtum mit klugen Einfällen und verblüffenden Coups wie Shen Tes geplatzter Hochzeit im Carlswerk-Foyer. Einziges Problem ist die Akustik im Depot, denn gerade die (etwas zu oft) geschrienen Dialage verhallen als Klangbrei.

Dennoch gewinnt Sostmann dem “Weihnachtsmärchen für sentimentale Weltrevolutionäre” (Georg Hensel) eine ungemein bildstarke, sinnliche Aufführung ab, die für den Revolutionsauftrag am Schluss nur Spott übrig hat. Nach gelinde enttäuschendem Auftakt deutet Kölns Schauspiel mit der zweiten Premiere an, wohin die Reise gehen kann. Begeisterter Beifall, Bravi.

DER GUTE MENSCH VON SEZUAN

VON BERTOLT BRECHT / MIT MUSIK VON PAUL DESSAU
28. SEPTEMBER 2013 / PREMIERE / DEPOT 2

Der Himmel ist in Aufruhr. Interne Diskussionen um mögliche Fehler bei der Weltschöpfung veranlassen die Götter nach Jahrtausenden endlich, ihr Werk einer Revision zu unterziehen. Drei Abgesandte sollen die Beschaffenheit der Erde überprüfen. Doch selbst der scheinbar niedrigste Qualitätsstandard – ein einziger guter Mensch reicht dem himmlischen Komitee, die Existenz der Welt zu rechtfertigen – erweist sich als zu ambitioniert. Ernüchtert von den Menschen und vom mangelnden Reisekomfort zermürbt, treffen sie in Sezuan auf die junge Prostituierte Shen Te, die als Einzige bereit ist, die hohen Gäste aufzunehmen. Die Götter sind erfreut. Das Ende der Mission scheint nahe. Sie rühmen die Güte des Mädchens, statten es mit einem kleinen Kapital aus, zu verzinsen in guten Taten, und verabschieden sich eilig gen Himmel.
Der Mikrokredit ermöglicht es Shen Te, sich mit einem Tabakladen selbständig zu machen. Ihr bescheidener Wohlstand aber weckt Begehrlichkeiten. Als die Bitten ihrer Mitmenschen zu Forderungen werden und sie ihre Hilfsbereitschaft täglich hemmungsloser missbraucht sieht, erschafft sie sich ein kapitalistisches Alter Ego: einen Vetter Namens Shui Ta, in dessen Gestalt sie ihre eigenen Interessen durchzusetzen vermag. Immer häufiger kommt dieser Vetter zu Besuch, bis Shen Te, von ihrem lieblosen Verlobten Sun geschwängert und verlassen, in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht, ihn schließlich ganz von sich Besitz ergreifen lässt. Befreit von jedem moralischen Anspruch baut Shen Te als Shui Ta ihren kleinen Laden zu einem ausbeuterischen Tabakimperium aus. Je skrupelloser jedoch das Vorgehen ihres erfundenen Vetters, desto schmerzlicher wird die gütige Shen Te von den Menschen in Sezuan vermisst. Sie wittern einen Mord und bringen den Emporkömmling Shui Ta vor Gericht. Den Prozess aber leitet niemand anderes als die drei Götter. In ihrer Verzweiflung entdeckt Shen Te/Shui Ta ihnen das doppelte Spiel: »Gut sein zu anderen und zu mir konnte ich nicht zugleich.«

REGIE MORITZ SOSTMANN / BÜHNE CHRISTIAN BECK / KOSTÜME ELKE VON SIWERS / MUSIKALISCHE LEITUNG PHILIPP PLESSMANN / PUPPENBAU ATIF HUSSEIN • FRANZISKA MÜLLER-HARTMANN / DRAMATURGIE NINA RÜHMEIER