Amadeus

Puppentheater Halle

Schwarze und weiße Tasten pflastern den Weg des Verrats

Mitteldeutsche Zeitung – 12.10.2007 – Andreas Hilger

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Salieri und seine Mannen sichten Mozarts Partituren. (Foto: Wenzel)

Die ganze Welt ist eine schwarze Scheibe, blankpoliert und spiegelglatt. Wenn Salieri auf seine Füße hinabblickt, sieht er sein eigenes, von Gram und Alkohol zerfressenes Antlitz – und hört die Musik jenes verhassten Götterlieblings, die aus den Tiefen aufsteigt und ihn wider Willen in Himmelshöhe trägt. Das kommt davon, wenn man auf einem Flügel lebt.

Bereits mit dieser Entscheidung signalisiert Moritz Sostmann, dass er Peter Shaffers “Amadeus” am Puppentheater Halle aus den gewohnten Bahnen laufen lassen will. Statt der historischen Revue, die auf der Schauspielbühne immer für einen Abend der affirmativen Bildungs-Befriedigung taugt, wird das Stück hier verpuppt – und geht daraus in neuer, besserer Form hervor. Denn wo die Vorlage mühsam Orte und Zeiten wechseln muss, finden sich die Puppen an einem Schauplatz, wie er sinnfälliger kaum sein kann.

Der Korpus des Instruments ist die Bühne für Salieris Selbstbezichtigungen, seine schwarzen und weißen Tasten pflastern den Weg der Wut und des Verrats, zwischen Deckel und Saiten wird schließlich Mozart sein Grab finden. Bis dahin erzählen Sostmann und sein Puppenbildner Atif Hussein den tragischen Triumph des Mittelmaßes über das Genie als zeitlose Geschichte: Während Antonio ein gealterter Glamrocker sein könnte, erscheint Amadeus als obszön genialischer Pop-Dämon. Wenn er Sarastros “In diesen heil’gen Hallen” mit Rio Reisers rauer Sehnsucht in sein Mikrofon krächzt, schwebt das alte Motto “Only the good die young” über der Szene.

Lars Frank spielt und spricht seinen Sarastro als einen Virtuosen des Weltekels, der selbst Genuss mit herabgezogenen Mundwinkeln quittiert. Philipp Plessmann gibt Mozart den fragwürdigen Charme eines garstigen Knaben, der Musik eher beiläufig zwischen seinen Pipi- und Popo-Faxen erfindet. Dass sich daraus später ein “Papa-Papa” entwickeln wird, das in ein berühmtes Zauberflöten-Duett mündet, bleibt ein kleiner Geniestreich.

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So wenig freilich, wie Mozart einer Melodie Salieris durch seine Verbesserungen zu wahrhafter Güte verhelfen kann, ist dem Shaffer seine geschwätzige Kolportage auszutreiben. Glücklicherweise verzichtet die hallesche Inszenierung auf alle Nebenfiguren und lässt – pars pro toto – den österreichischen Kaiser in Gestalt von Nils Dreschke aufmarschieren. “Feste und Feuerwerk” jubelt er grenzdebil grinsend den Untertanen zu – der einzige Mensch ist der wahre Kasper.

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Obwohl die Inszenierung also gehörigen Schabernack treibt und gelegentlich stagniert, gießt sie “Amadeus” in eine neue, überzeugende Ästhetik. Jörg Leistners musikalischer Beitrag als Arrangeur und Pianist ist dabei nicht zu unterschätzen: Selten ist Mozart jenseits aller pedantischen Notentreue so anrührend gesungen worden. Was Salieris tragikomische Verzweiflung um so glaubhafter macht.

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Regie…………………………….Moritz Sostmann

Bühne/Puppen/Kostüme…Atif Hussein

Musikalische Begleitung

und Arrangements………….Jörg Leistner

Spiel………………………………Lars Frank (Salieri)

……………………………………..Phillip Pleßmann (Amadeus)

……………………………………..Nils Dreschke (Constanze, Kaiser)

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