Inflationierung von Rassismus schafft ihn nicht ab

ich bin umgezogen

„Über die Inflationierung der Bilder verschwinden sie.“ sagt Sebastian Baumgarten am Mittwoch im Haus der Berliner Festspiele während der Abschlussdiskussion zur “Blackfacing-Debatte”, die im Rahmen des Theatertreffens im Mai auf dem Blog des Festivals aufgeflammt war (hier mein Eintrag dazu und die Artikel auf dem TT-Blog). Im diplomatischen Stuhlkreis im Foyer der Berliner Festspiele diskutierten Vertreter_innen von Bühnenwatch und Sebastian Baumgarten, der Regisseur von der in die Kritik geratenen Inszenierung der “Heiligen Johanna der Schlachthöfe“.
 Aber von einer Diskussion kann kaum die Rede sein. Nach einleitenden Statements von Atif Hussein als Vertreter von Bühnenwatch und von Sebastian Baumgarten entstand ein faszinierend unproduktiver Abschlag von verhärteten Fronten. Konzeptionell war die Veranstaltung eingeteilt in zwei Teile: In der ersten von zwei Stunden sollte konkret anhand der Inszenierung der “Heiligen Johanna der Schlachthöfe” über die Verwendung des Blackfacing und anderen rassistischen Zeichen und Bildern gesprochen werden. Im zweiten Teil sollte…

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Der Gegenwert der Zeichen

von Esther Slevogt

Blackfacing in Sebastian Baumgartens “Johanna der Schlachthöfe” – In einer Sonderveranstaltung der Berliner Festspiele treffen Welten aufeinander.

 

Berlin, 12. Juni 2013. Statt des Podiums diesmal also eine Art Stuhlkreis in der Kassenhalle des Hauses der Berliner Festspiele. Das sei als Geste gedacht, dass man nicht von oben herab dozieren, sondern auf Augenhöhe diskutieren wolle, so der Journalist und Ex-Theatertreffenjuror Tobi Müller, der als Moderator angetreten war. Auf einem Tisch in der Mitte lagen griffbereit Mikrophone für jene bereit, die sich an der Debatte beteiligen wollten. Wobei sich bald herausstellte, dass Augenhöhe nicht per Sitzunordnung herstellbar ist, solange es keine grundsätzlichere Befragung von Strukturen und Machtverhältnissen gibt, die auch die Bedingungen der Möglichkeit von Hochkultur sind: und zwar die ihrer Finanzierung ebenso wie ihrer grundsätzlichen Formen und Kodierungen …

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=8261:blackfacing-in-sebastian-baumgartens-qjohanna-der-schlachthoefeq-in-einer-sonderveranstaltung-der-berliner-festspiele-treffen-welten-aufeinander&catid=101:debatte&Itemid=84

Die Revolution des Mainstreams oder: Wenn rassistische Stereotype mit Judith Butler gerechtfertigt werden. Ein Bericht zur Abschlussdiskussion der Juror_innen des 50. Theatertreffens

Die Revolution des Mainstreams oder: Wenn rassistische Stereotype mit Judith Butler gerechtfertigt werden. Ein Bericht zur Abschlussdiskussion der Juror_innen des 50. Theatertreffens

Abwehrreflexe

Werner Buhss, Theaterautor und Übersetzer erstellte Ende der 90er Jahre des 20. Jhd. eine neue deutsche Fassung von Schakespeares “The Tragœdy of Othello, the Moor of Venice”. Er (W.Buhss) gab seiner Übersetzung den Titel “Othello. Venedigs Neger”. Im Text selbst muß er das Wort dann exakt siebenundfünfzigmal benutzen – wahrscheinlich um zögerlichen Zweiflern verständlich zu machen, worum es ihm geht …

Da ich zu den Zweiflern gehöre, fragte ich nach.

Mit einer Anfrage an den Henschel-Verlag am Montag, 30. April 2012 fing es an:

Sehr geehrte Frau Czesienski,

ich habe gerade mit einer Ihrer Kolleg_innen telefoniert, Frau Westermaier. Sie verwies mich mit meiner Frage an Sie. Es geht um die Übersetzung von Shakespeares “Othello” durch Werner Buhss. Diese Fassung wird am 17. Mai im nt in Halle (Saale) zur Premiere kommen. Gibt es eine Erklärung oder Begründung, warum Werner Buhss in Titel und Text ostentativ das (Un)Wort N***r benutzt? Dieses Wort ist durch seine in der Geschichte entstandene Bedeutung in der öffentlichen Kommunikation tabuisiert, in speziellen Fällen sogar inkriminiert. Ich vermute also, eine hinreichende Erklärung für die Verwendung durch Werner Buhss, Ihren Verlag, und die Theater, die diese Fassung spielen (und die damit verbunde Veröffentlichung in Print- und elektronischen Medien) wird es geben. Für eine Antwort wäre ich Ihnen sehr dankbar.

Herzliche Grüße

Atif Hussein

Doch nicht der Verlag antwortete, sondern Herr Buhss selbst.
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Montag, 7.Mai 2012

hallo, herr hussein,

der verlag wird Ihnen auch irgendwas schicken. aber ich finde es besser, wir reden selbst miteinander.

der begriff unwort entstammt der mediengesellschaft. hierzulande wird jedes jahr ein unwort gekürt. ich kann mich nur noch an eins erinnern, schon ein paar jahre her, das hieß: kolateralschäden. ich erinnere einen englischen nato-sprecher und den damaligen deutschen verteidigungsminister, die dieses wort strapazierten. danach war es umgangssprache, in allen möglichen varianten, als witz, ironisch, empört, gelassen. ein wort, einmal in die welt gelassen, ist eigentum der welt, respektive der sprachgruppe, aus der es kommt, und der sprachgruppen, in die es kongruent übersetzt wird.

es gibt keine unworte. man kann in worten achtung und verachtung ausdrücken. das hängt vom sprecher und vom zusammenhang ab. ein wort mag bei dem einen oder dem anderen besondere assoziationen und/oder empfindungen auslösen, die haben aber keine deutungshoheit. die schlimmste worterfindung, die ich kenne, ist untermensch. das hat die generation meines vaters gebraucht. nur, das wort gibt es. unauslöschlich. und es wird, hoffentlich in einem anderen zusammenhang wieder benutzt werden.

lieber herr hussein, sollte ich Ihre gefühle verletzt haben, kann ich erst dann um verzeihung bitten, wenn Sie sich das stück in halle angesehen haben. ich werde bei der premiere anwesend sein. danach stehe ich Ihnen zur verfügung.

hochachtungsvoll

werner buhss

Meine Antwort.
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Dienstag, 8.Mai 2012

Sehr geehrter Herr Buhss,

ich verlangte nicht, dass Sie mich um Verzeihung bitten. Vielmehr erbat ich eine Erklärung, warum Sie in Ihrer “Othello”-Übersetzung das N-Wort benutzen. Einen kurzen Verweis darauf, wie Wörter entstehen und, möglicherweise, durch ihre Verwendung ihre Bedeutung ändern, erachte ich nicht als erhellend.

Zur Premiere am 17. Mai werde ich nicht kommen, da ich an diesem Tag selbst Premiere habe. Im Übrigen befürchte ich, dass dies, selbst, wenn ich zeitlich die Möglichkeit hätte, keine gute Idee ist. Mich wieder und wieder durch Angehörige der weissen Dominanzkultur retraumatisieren zu lassen, kann nicht Sinn meines Lebens sein. Und ich denke, um dieses Thema zu besprechen, muss ich nicht der Gedemütigte sein. Wie könnten wir uns unter derartigen Umständen auf gleicher Augenhöhe begegnen?

Ich bitte Sie also noch einmal um ein Erklärung, denn ich vermute (immer noch), dass es eine gibt.

Hochachtungsvoll

Atif Hussein

 

 

Mit folgender kurzen Mitteilung beschloß Herr Buhss dann das “Gespräch”.

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Dienstag, 8. Mai 2009

sehr geehrter herr hussein,

es gibt eine ganz einfache erklärung: othello ist ein söldner, ein (zugegeben) edelsklave, einen köter, den ein patrizier nicht im haus haben möchte, schon gar nicht als schwiegersohn. weder shakespeare noch ich sind rassistisch, rassismus ist eins der themen des stücks, und vor allem es ist seine atmosphäre, in der sich alle konflikte entfachen.

was Sie mir da unterstellen, verbuche ich einfach als ulk.

tschüs und hochachtungsvoll

werner buhss

Interview mit Michael Thalheimer, Regisseur

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19. April 2012

3sat – Kulturzeit

 

-Transskript-

 

Michael Thalheimer zur “Blackface”-Debatte

Regisseur Michael Thalheimer hat seine Inszenierung von Dea Lohers “Unschuld” am Deutschen Theater verändert. Aus “Blackfacing” wurde “Whitefacing”. Hannah Kristina Friedrich hat ihn dazu interviewt.

Hannah Kristina Friedrich:

Sie haben jetzt Ihre Inszenierung am Deutschen Theater verändert. Statt Blackfacing, Whitefacing. – Warum?

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Michael Thalheimer:

Das hat einen ganz einfachen Grund. Ich hab mich erst, ich war erst ‘mal über den Vorgang sehr überrascht, daß ein Teil des Publikums, ein spezieller Teil des Publikums, ehm, hauptsächlich schwarze Schauspieler und Künstler, sich angegriffen und provoziert gefühlt haben. Das war nicht der Sinn, ja. Sondern ich berufe mich da ganz einfach auf eine Theatertradition. Nennen wir sie Verfremdung, ja. Der Vorwurf, daß das, ehm, mit Rassismus zusammenhängt, hat mich sehr überrascht, weil ich glaube, daß jeder, der meine Arbeit kennt oder per se auch nur die Arbeit des Deutschen Theaters oder des Theaters überhaupt, ja, die, wenn sie sich einsetzen, ja ausschließlich, oder, äh, dann auch für Randgruppen, sage ich ‘mal, einsetzen, ja. Den Vorwurf zu machen, das hat mich erst sehr überrascht. Aber, in der Diskussion über dieses Thema, ist mir eins bewußt geworden: Wenn -, weil es gibt ja in Amerika dieses … diese andere Tradition, ja, das weiße Schauspieler sich ‘mal schwarz angemalt haben, um … aus rassistischen Gründen, ja, um den Schwarzen auf der Bühne als dummen Menschen darzustellen. Weit entfernt davon ist die Inszenierung „Unschuld“ am Deutschen Theater, ja. Aber ich habe gespürt, daß trotz der Diskussionen und der verschiedenen, ehm, Kunstansätze, ja, die Menschen sich trotzdem verletzt gefühlt haben, ja. Und dann finde ich, hat das Theater oder die Kunst auch eine Chance, da ich die Verletzung nicht möchte.  – Theater soll verletzen! – , aber nicht auf diese Art und Weise. Da ist es mir dann leicht gefallen, ja, zu sagen: Wenn das verletzt, – was ich so nicht möchte – dann ändere ich das. Und da fällt mir dann auch kein Zacken aus der Krone, äh, äh, sondern, ich finde das dann geradezu logisch in der Konsequenz, ja, daß die Kunst dann auch so großzügig sein kann, um das zu ändern, weil es bestimmte Leute in einer ganz bestimmten Art verletzt, die so nicht gemeint ist. Und, wenn das Tatsache ist, dann möchte ich das ändern, weil das nicht gemeint ist.

HKF:

Ist dann … Halten Sie dieses Blackfacing, diese Tradition denn für rassistisch?

MT:

Ehm, so wie wir sie bis anhin in unserer Tradition, äh, benutzen, ja, – und da kann ich bei der Antike anfangen, ja, oder auch bei Shakespeare, daß Frauen auf der Bühne, äh, äh, Frauenrollen durch Männer dargestellt wurden, daß wir, ehm, ehm, Masken, ja, seit Dreitausend Jahren im Theater benutzen, ja … Ehm, auch die Verfremdung bis hin zu Berthold Brecht zu gehen, ja, daß man durch das schwarze anmalen eine Verfremdung herbeischafft, die man banal ausgedrückt auch so nennen könnte, wie: Man entdeckt als Weißer Schauspieler das Schwarze in sich selbst und, daß es nicht auf die Hautfarbe per se ankommt, ja, sondern wie auf das reagiert wird, ja. Das halte ich ja gerade nicht für rassistisch, ja. Aber es hört in dem Moment auf eine Diskussion zu sein, – und ich möchte mich im Theater nie rechtfertigen – wenn eine Grenze überschritten wird, die da heißt: Es verletzt jemanden aus diesem Grund. Weil es natürlich eben auch, ja, eine andere Tradition gibt, wie in der USA. Und darauf habe ich dann doch gerne reagiert und gesagt: Es ist auch … es bleibt künstlerisch wertvoll – und wir haben das ja dann auch gewechselt, äh, von der schwarzen Farbe ganz bewußt zu der übertriebenen weißen Farbe. Ein weißer Schauspieler, der sich noch weißer schminkt, ja. Und ich habe den ähnlichen Effekt auf der Bühne, ja, ohne daß ich diese Gruppe von Menschen verletze. Und das ist mir dann einfach gefallen, diese Entscheidung.

HFK:

Ist es denn wirklich so, daß es keine Schwarzen in Theatern gibt? Also, das ist ja dahin auch noch die anhängliche Diskussion.

MT:

Ehm, ich finde, natürlich sollte das Theater sich das immer wieder ins Bewußtsein rufen, auch die Schauspielschulen, ja, daß wir bei der Ausbildung schon anfangen, ja, sag ich ‘mal, das Spiegelbild der Gesellschaft zu repräsentieren. Und das beginnt in der Ausbildung, in der Schule und später im Studium, ja. Und keine Frage, hat da Deutschland einiges nachzuholen und ist da einiges versäumt worden, ja. Die berühmte „Integrationsdebatte“, ja. Im Moment ist es aber so, ja, daß die Vielzahl an schwarzen Schauspielern, ja, oder an türkischen Schauspielern, oder nennen Sie … nennen wir einfach Schauspieler mit Migrationshintergrund, ja, in den Ensembles nicht zur Verfügung stehen. Und das ist einfach erst ‘mal eine Tatsache, ja. Und ich halte es auch nicht für richtig, ja, nur – und jetzt werde ich etwas polemisch – den schwarzen Schauspieler für ‚Othello‘ zu besetzen, ja. Das halte ich für nicht hilfreich, sondern wenn, müssen wir den Schritt gehen, daß Schauspieler mit Migrationshintergrund, ja, und auch schwarze Schauspieler eben alle Rollen, ja, wie der weiße Schauspieler eben auch auf der Bühne spielen sollte. Erst wenn das, dieser Schritt – irgendwann, in der Zukunft – getan wird, ja, glaube ich, wird es dieses Problem nicht mehr geben.

Abwehrreflexe

An

Sächsische Staatsoper Dresden

Frau Intendantin Dr. Ulrike Hessler

Theaterplatz 2

01067 Dresden

Berlin, 11. März 2012

Sehr geehrte Frau Dr. Hessler

und ebenso zur freundlichen Kenntnisnahme durch Herrn Freyer, Frau Schernau und Herrn Zühlsdorf,

mit Ihrer Inszenierung der Oper „Die Zauberflöte“, Premiere am 3. Juni 2006, für die Sie eine weitere Aufführungserie ab dem 17. März 2012 planen, schließen Sie sich in einigen Teilen, insbesondere der Ausstattung und der Rollenzuschreibung einer verheerenden Tradition an: Der Tradition des „blackface“, also das Schwarzschminken weißer Schauspieler_innen, Sänger_innen, Tänzer_innen, Comedians u.w.m. Diese Form der Travestie diente speziell der Herabsetzung und Stereotypisierung von Menschen mit Schwarzer Hautfarbe und Menschen of Color zur Unterhaltung und Hebung des Selbstwertgefühls von Angehörigen der weißen Dominanzkultur. Diese Praxis ist also im Wesen rassistisch. (Wobei der sozialhistorische Kontext dieser Darstellung nicht außer acht zu lassen ist.)

Mir ist bewußt, daß die Premiere dieser Produktion bereits einige Jahre zurückliegt. Durch verschiedene Umstände bin ich aber erst jetzt auf diese Inszenierung aufmerksam geworden.

Sehr geehrte Frau Dr. Hessler, Sie können den Einwand erheben, daß die Illustration der Figur des „Monostatos“ nicht auf diese Tradition rekurriert, schon allein, weil das Werk in einer viel weiter zurückliegenden Epoche, einer sich von den darauf folgenden absolut unterscheidenden Kultur entstanden ist.

Fakt ist aber, daß die Grundlagen für diese Tradition in „unserem alten“ Europa gelegt wurde. Hier wurde einerseits die Schwarze Hautfarbe als Symbol des Bösen in der Komödie entwickelt. Und der sehr „unkomische“ ideologische Boden dieser Konvention liegt in den Merkmalen, die „Schwarzen Figuren“ und damit eben auch dem „Monostatos“ zugeordnet werden: dumm, böse, unterwürfig, lüstern, schreckhaft, feige und andererseits theoretisierten hier ‚unsere großen deutschen Philosophen‘ (allen voran Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel) über die ‚Unterschiede der Rassen‘. Hegel läßt uns durch seine Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte  an folgendem „Wissen“ teilhaben: „Bei den N****N ist nämlich das Charakteristische gerade, daß ihr Bewußtsein noch nicht zur Anschauung irgendeiner festen Objektivität gekommen ist, wie zum Beispiel Gott, Gesetz, bei welcher der Mensch mit seinem Willen wäre und darin die Anschauung seines Wesens hätte. [ … ] Der N***R stellt, wie schon gesagt worden ist, den natürlichen Menschen in seiner ganzen Wildheit und Unbändigkeit dar: von aller Ehrfurcht und Sittlichkeit, von dem, was Gefühl heißt, muß man abstrahieren, wenn man ihn richtig auffassen will; es ist nichts an das Menschliche Anklingende in diesem Charakter zu finden.“

Zur Zeit der Entstehung der „Zauberflöte“ mag das common sense gewesen sein – soll es das auch im 21. Jahrhundert bleiben?

Auch wenn sich Herr Freyer nach Kräften bemüht hat, seiner Inszenierung etwas Märchen- und Zauberhaftes zu geben, rekurriert er in der äußeren Zeichnung der Figur des „Monostatos“ auf die oben beschriebenen Stereotype, wie sie massenhaft in deutschen Kinderbüchern, Illustrationen, Comics etc. vertreten sind.

Fakt ist weiterhin, daß die diskriminierenden, aus kolonialhistorischen Zusammenhängen hervorgegangenen Praktiken bis zum heutigen Tag in Deutschland und auch europaweit wieder und wieder fröhliche Urständ feiern. Ob im Theater, in von Fernsehsendern produzierten Musik- und Comedy-Shows, Karnevals- oder anderen Traditionsvereinen.

Ich appelliere an Ihre künstlerische Kompetenz und bitte Sie um humanistische Weitsicht: Ändern Sie für kommende Aufführungen die Maskierung der Figur des „Monostatos“, distanzieren Sie sich von einer klar negativ konnotierten „Schwarzmalerei“, einer überkommenen Figureninterpretation, wagen Sie eine Neudeutung, lassen Sie es sich angelegen sein, angestammte Vorurteile und diskriminierende Allgemeinplätze dialektisch zu hinterfragen und zu überwinden.

Haben Sie vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und ich bitte um Ihr wohlwollendes Verstehen.

Hochachtungsvoll

 

Von
Semperoper Dresden
30. 03. 2012
Sehr geehrter Herr Hussein,
in Ihrem Brief vom 11. März kritisieren Sie den Einsatz von “blackfacing”, also das Schwarzschminken weißer Schauspieler, am konkreten Beispiel des Monostatos in unserer “Zauberflöten”-Produktion von Achim Freyer. Betrachtet man diese Inszenierung, so wird deutlich, daß ALLE agierenden Figuren eine stark aufgetragene Maske tragen, die jeweils die Hautfarbe ihres Gesichtes verändert. Beispielsweise ist Paminas Gesicht weiß, Sarastros Gesicht gelb und Monostatos’ Gesicht schwarz geschminkt. Das heißt die “Bemalung” der Gesichter betrifft mitnichten nur eine Schwarzfärbung sondern einer allgemeinen farblichen Umzeichnung – unabhängig davon, welchen ethnischen Ursprungs ein Sänger ist. Ein farbiger Sänger, wenn er Sarastro sänge, würde in dieser Inszenierung gelb geschminkt, eine farbige Sängerin, wenn sie denn Pamina singen würde, in dieser Inszenierung weiß geschminkt werden. Sie bemühen Kant und Hegel über die “Unterschiede der Rassen” und unterstellen von deren Horizont ausgehend, daß die entsprechenden überkommenen Zuordnungen von “dumm, böse, unterwürfig, lüstern, schreckhaft, feige” für Freyers Monostatos zuträfen, sich demnach derartige Stereotypen bis ins 21. Jahrhundert gehalten hätten und so in der Kunst von heute propagiert werden. Ein Blick in die Inszenierung macht deutlich, daß sich im Vergleich mit den anderen Figuren Monostatos in keiner Weise in seiner Art zu agieren abhebt, da sich Achim Freyer einer bestimmten, zeichenhaften Bewegungssprache bedient, die gleichsam für Monostatos zutrifft. Interessant ist, daß Sie mit Ihrer charackteristischen Zuordnung von “dumm, böse, unterwürfig, lüstern, schreckhaft, feige” Monostatos meinen – als überkommenes und hier verwendestes Symbol des Bösen. Ein Blick auf andere Figuren, wie etwa die Konigin der Nacht oder auch Sarastro macht deutich, daß eher diese beiden Figuren damit belegt werden können, der Vorwurf des Rassismus ist in Bezug auf Monostatos kaum aufrechtzuerhalten. Achim Freyer äußert sich zu den beiden benannten Figuren: “Die gute, trauernde Mutter, die aber nur Theater spielt und die die böse Frau wird, die den Sonnenkreis erringen möchte, den ihr Mann dem ungerechten Sarastro gegeben hat. Dieser Sarastro, der von den heiligen Hallen spricht, in denen man keine Rache duldet und gleichzeitig rächt und von Rache spricht. Das sind die Absurditäten und Widersprüche, die unser Leben täglich aufweist, und das jede Ideologie, sowohl die der Königin als auch die des Sarastro Halbwahrheiten sind, halbe Welten, halbe Wahrheiten, die immer zur Katastrophe führen und zu Kriegen und Zerstörung.”
Wollte man alle diese Argumente nicht gelten lassen: als Regisseur wissen Sie natürlich, daß Änderungen grundsätzlich nach einer Premiere der Zustimmung des jeweiligen Regisseurs bedürfen. Wir werden Herrn Freyer aber ganz sicher nicht ansprechen, denn unserer Meinung nach zeigt die ganze Inszenierung, daß gerade ihm sicher kein Rassismus vorzuwerfen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Ulrike Hessler
Intendantin