Abwehrreflexe oder die Unmöglichkeit der Verständigung zwischen Schwarzen und weißen Menschen, wenn es um Rassismus geht

Unter dem tag abwehrreflexe gibt es ja hier schon Einiges zu lesen. Dies ist ein weiteres Beispiel, warum ich daran zweifle, daß eine kritische Auseinanderstzung mit Alltagsrassismus und rassistischer und sonstiger diskriminierender Sprach- und Bildproduktion in absehbarer Zeit stattfinden wird.

An radioeins – rbb

Berlin, 10. November 2013

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich verstehe nicht, wieso Sie eine Veranstaltung, die mit rassistischen Klischees arbeitet, unterstützen/ bewerben. Schaut man auf die Internet-Präsenz von ‘knorkator’, erscheint ‘radioeins’ dort als Medienpartner. Auf Ihrer Veranstaltungsseite gibt es die Ankündigung  für ein Konzert dieser Band am 17. Mai 2014.

In Titel und Beschreibung (einschließlich der “Illustration”) der Veranstaltung – Anlaß ist wohl die Veröffentlichung der neuesten CD von ‘knorkator’ – werden stupideste rassistische Klischees (re)produziert. Die Entwicklung/Erfindung derartiger Beschreibungen (in Wort und Bild) vor hunderten von Jahren diente nichts anderem, als die Kolonialisierung Schwarzer Menschen, die Vernichtung ihrer Kulturen und Religionen, ihres Wissens, ihrer materiellen und immateriellen Werte, ihres sozialen Selbstverständnisses zu rechtfertigen. Deportation, Zwangsarbeit, Mord und Völkermord waren und sind die Folgen dieser imperialistischen Expansionspolitik.

“Alles lange her.” “Get over it.” “Nehmen Sie’s mit Humor!” werden Sie antworten wollen. Vielleicht. Nur läßt die Realität das nicht zu. Rassistische “Witzchen” in Schulen, Kneipen, Büros, staatlichen Behörden auf Kosten Schwarzer Menschen und Menschen of Color gehören zum Alltag. Verhöhnung, Ausgrenzung aus sozialen Gemeinschaften, Verhinderung der Partizipation am kulturellen, künstlerischen Alltag ist immer noch strukturell verankert.

Schwarze Menschen und Menschen of Color leben in Deutschland (und im gesamten Europa) seit hunderten von Jahren und sind trotz der permanenten Unterdrückung integraler Bestandteil dieser Gesellschaften. Es ist üblich, Schwarze Menschen und Menschen of Color zu degradieren, mit enthumanisierendem Blick zu betrachten. Sicher. Nur sind die Folgen dieser Perspektive genauso bitter und blutig wie eh und jeh.

Sehr geehrte Damen und Herren, gehen Sie davon aus, daß wir uns nicht als Opfer stilisieren. Stolz und Würde sind davor. Aber empören werden sich viele, sehr viele immer wieder. So auch jetzt über die (Aus)Wahl der Veranstaltung die Sie als Redaktion eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks getroffen haben.

Aber warum diese (Aus)Wahl nicht überdenken.

Vielleicht hilft ihn folgende Literatur- und Linkliste dabei.

http://www.deutschland-schwarzweiss.de/
http://www.whitecharity.de/
http://blackpeopleloveus.com/
http://vasundharaa.tumblr.com/post/31917466176/this-is-a-resource-post-for-all-the-good-white
http://kendike.wordpress.com/2013/06/13/inflationierung-von-rassismus-schafft-ihn-nicht-ab/
http://www.derbraunemob.info/deutsch/index.htm
http://www.gegen-die-schwerkraft.de/shop/books/micosse
http://www.kas.de//db_files/dokumente/zukunftsforum_politik/7_dokument_dok_pdf_177_1.pdf?040415180721

Des weiteren all die Texte, Theaterstücke, Gedichte, Essays von Susan Arndt, Toni Morrison, May Ayim, Angela Davis, Joshua Kwesi Aikins, (sogar) Tim Wise, Dr. W.E.B.Du Bois, Wole Soyinkas, Philip Kabo Koepsel, Prof. Dr. Maisha-Maureen Eggers, Prof. Grada Kilomba, Sharon Ooto, Frantz Fanon …

Selbstverständlich freue ich mich über eine Antwort von Ihnen.
Hochachtungsvoll

Berlin, 11. November 2013

Sehr geehrter Herr Hussein,

danke für Ihre mail. Bei Knorkator handelt es sich um eine aus dem alternativen, linken Szeneumfeld stammende, satirische  Berliner Rockband. Entdeckt und gefördert wurden Knorkator u.a. von Rio Reiser und Rod Gonzales (“Die Ärzte”). Die band stand und steht nie im Veracht, reaktionär oder rassistisch zu sein oder zu handeln.

Das neue Album basiert auf dem Kinderbuchklassiker “Der Struwelpeter” von Heinrich Hoffmann. Das Artwork lehnt sich an die Illustrationen der Original – Ausgabe an. Mit Rassismus hat das aus unserer Sicht nichts zu tun.

Die Band bezieht auch Stellung und unterstützt beispielsweise das “Anti-Nazi Festival “Jamel rockt den Förster” mit 5 % ihrer Einnahmen.

Ich möchte Sie daher freundlichst bitten, Ihren Standpunkt noch einmal zu überdenken und verbleibe mit den besten Grüßen,

Peter Radszuhn
Musikchef

radioeins – rbb

Berlin, 15. November 2013

Sehr geehrter Herr Radszuhn,

vielen Dank für Ihre schnelle Antwort.

Ich brauchte etwas Zeit.

Sie bitten mich, meinen “Standpunkt noch einmal zu überdenken”.

Nun, schon so lange ich denken kann, denke ich darüber nach, warum ich von Menschen in meiner Umgebung “Mohr”, “Mohrle”, “Neger”, “Nigger”, “Dachpappe”, “schwarzes Schwein (oder auch Sau, je nach dem)”, “Kanake”, “Kamelficker” … genannt werde. Und das von den “buddies” im Kindergarten, den Mitschüler_innen aus meiner Klasse, während des Studiums dann von “meinen” Kommiliton_innen und später von Kolleg_innen bei der Arbeit … Dabei habe ich einen schönen Namen, wie ich finde. Ich habe ihn mir von meinem Vater übersetzen lassen, da ich nie gelernt hatte, arabisch zu sprechen. Atif bedeutet ‘Der Gütige’ oder auch ‘Der Liebe Gebende’. Gut, das wissen die wenigsten, die nicht arabisch sprechen oder sich mit den sogenannten ‘Neunundneunzig Namen von Allah’ auskennen. Geschenkt. Aber an diesem Unwissen, dachte ich dann irgendwann, kann es wohl nicht liegen, daß Menschen lieber eines der oben aufgeführten Worte benutzen, anstatt mich bei meinem Namen zu nennen.
“Mohrle”, so dachte ich, heißen Katzen im Kinderlied. “Ruhig, Brauner”,
so dachte ich, raunt man unruhigen Pferden zu. Meine Mutter fragte ich, als ich aus dem Kindergarten kam, warum mich die anderen Kinder immer ‘Jäger’ rufen. Ich war fest überzeugt, kein Jäger zu sein. Sie konnte es mir nicht erklären. Heute weiß ich warum.

Als ich anfing, selbst zu lesen, fand ich einige dieser Wörter wieder. In Kinderbüchern. In Jugendbüchern. In Geschichtsbüchern. In Biologiebüchern. In Theaterstücken. In Zeitungen und Zeitschriften …
Dann kamen die Bilder. In Büchern, Comics, Filmen: Seltsam schwarz geschminkte Menschen mit Knochen in den Perücken, knallrot angemalten Lippen, weit aufgerissenen Augen, Baströckchen … Selten sprechen sie und wenn, dann haben sie eine eigenartige Diktion, beherrschen die deutsche Grammatik nicht wirklich und verhalten sich auch sonst irritierend auffällig (Wie jüngst Günter Wallraff in seinem “Dokumentarfilm” ‘Schwarz auf Weiß – Eine Reise durch Deutschland’) …

Es ist noch nicht allzu lange her, da meinte ein Bekannter mit dem ich zusammen in der U-Bahn fuhr, als wir an der Station MOHRENSTRASSE hielten: “Ey, deine Station! Hier mußt du ‘raus!” Ich habe ihm nicht erklärt, daß die Straße (und damit die Station) ihren Namen daher hat, daß hier aus ‘Groß Friedrichsburg’, einer kurbrandenburgischen Kolonie in West-Afrika, deportierte Schwarze Menschen ‘wohnen’ mußten.

>>> “Friedrich Wilhelm I. ließ sich neben den 72.000 Dukaten, die er von den Niederländern für Groß Friedrichsburg erhielt, zwölf junge afrikanische Männer nach Berlin schicken, die dort am königlichen Hof ganz unterschiedliche Dienste verrichten mussten. Einige von ihnen, die der preußische König gemäß dem zeitgenössischen Sprachgebrauch als “Mohren” bezeichnete, wurden als livrierte Lakaien ständige Diener seiner Kinder Wilhelmine und Fritz. Andere mussten als Trompeter und Trommler in der königlichen Militärkapelle mitmarschieren. Schließlich gab es aber auch noch Afrikaner, die dem König einen ganz besonderen Dienst erwiesen: Da er gern am Abend nach getaner Arbeit im Kreis seiner engsten Freunde und männlichen Familienmitglieder zur Entspannung Pfeife rauchte, hatten seine Schwarzen Bedienten ihm und allen anderen Teilnehmern seines “Tabakskollegiums” hin und wieder den dazu benötigten Tabak anzureichen. Dieses exotische Genussmittel war – noch bevor es über London und Amsterdam den Weg nach Berlin gefunden hatte – von versklavten westafrikanischen Landsleuten der preußischen “Hof-Mohren” geerntet, getrocknet und verpackt worden.” (aus Friedrich der Große und George Washington, Jürgen Overhoff) <<<

‘We Want Mohr’ mag sich, wie es die Verantwortlichen und wie Sie, Herr Radszuhn, es denken, auf Heinrich Hoffmanns Buch beziehen – richtig, es reproduziert die Illustrationen in diesem Buch. Aber, und das ist m.E. das Wesentliche, ‘We Want Mohr’ repräsentiert den unreflektierten Umgang mit der deutschen und europäischen kolonialen Vergangenheit und den, wie schon erwähnt, absolut unempathischen, degradierenden Blick auf Schwarze Menschen und Menschen of Color.

All die oben genannten Wörter, so auch ‘Mohr’, sind Fremdbezeichnungen – entsprungen einer Dominanzkultur, die es ablehnt, die Folgen ihres Handelns zu überdenken.

Herr Radszuhn, sicher behaupte ich nicht, daß ‘Knorkators’ Bandmitglieder Rassisten wären. Aber auch eine linke oder linksalternative Weltsicht bewahrt nicht davor, rassistische oder andere diskriminierende Sprache und Bilder zu benutzen. – Auch wenn es vom Absender nicht ‘so’ gemeint ist, kann es sehr wohl beim Adressaten ‘so’ ankommen.

Wenn es denn nun so ist, daß ‘Knorkator’ satirisch auf die Welt reagiert, sollten sie/Sie sich fragen, auf wessen Kosten diese “Witze” gemacht werden. – In diesem Fall, wie zu sehen ist, geht der “Witz” nicht auf eigene Kosten …

Herzliche Grüße

Hier noch ein paar links für vertiefende Lektüre:

http://www.unrast-verlag.de/news/271-rassismus-in-gesellschaft-und-sprache

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One comment on “Abwehrreflexe oder die Unmöglichkeit der Verständigung zwischen Schwarzen und weißen Menschen, wenn es um Rassismus geht

  1. Ms. Represented says:

    Lieber Atif
    Vielen lieben Dank für deine Mühe. Deine Briefe sind klasse. Wer es dennoch nicht versteht (bzw verstehen möchte) – bedauerlich. Aber wir der ehemalige Außenminister schon sagte: “es ist Deutschland hier.”
    Liebe Grüße und Hochachtung…
    Ms. Represented.

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