“Halle macht sich, Halle schmückt sich. Anlässlich ihres

Jürgen Otten (Opernwelt – Dezember 2006)

“Halle macht sich, Halle schmückt sich. Anlässlich ihres 1200 jährigen Bestehens scheut die Stadt an der Saale kaum Anstrengungen, um in den Blick der Öffentlichkeit zu gelangen, zumal in kultureller Hinsicht. Hochkarätige Ausstellungen hat es in diesem Jahr bereits gegeben, eine Einladung zum Berliner Theatertreffen für eine Inszenierung des „neuen theaters”, dazu jede

Menge Wirbel um die im Ort ansässige Bundeskulturstiftung. Zu diesem Zuwachs an Aufmerksamkeit passte, dass die beiden großen Klangkörper Halles, das Philharmonische Orchester und das Orchester der Oper Halle, fusionierten, um den Anschluss an die bundesdeutsche Spitze zu ermöglichen. Gleichsam als Startsignal lud die Oper Halle zu zwei kurz aufeinanderfolgenden Premieren. Den Auftakt machte Donizettis „Lucia di Lammermoor”, eine Produktion, der es sowohl musikalisch als auch szenisch an Leichtigkeit mangelte.”

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“Es folgte der Vorabend zum „Ring”, Wagners „Rheingold”. Und damit die Erkenntnis, dass es eindeutige Urteile nicht immer geben kann. Kann es sein, dass man hinterher irritiert ins Dunkel der Nacht schleicht und sich fragt, ob man soeben einem unvergesslichen theatralen Ereignis beiwohnte und zugleich dessen Scheitern miterleben musste? Die „Rheingold”-Produktion am Opernhaus Halle, annonciert als konzertante Aufführung mit „szenischer Realisierung”, gibt darauf eine Antwort: Es kann sein. Es kann sein, weil eine fantasiebegabte Inszenierung, die den vorliegenden Stoff auf wundersam ingeniöse Weise in die Hände nimmt und liebevoll daraus eine Geschichte strickt über Menschen und Götter und Götter und Menschen. Und weil diese Inszenierung begleitet wird von einem veritablen Missverständnis hinsichtlich des vorliegenden musikalischen Materials.

Kurzum: Was Atif Hussein, Chef des Hallenser Puppentheaters, unter Mithilfe der Bühnen-und Kostümbildnerin Petra Korink dem „Rheingold”-Personal an Konturen, an Charakter und vor allem an Lieblichkeit und Fragilität verleiht, das wird vom Orchester unter der Leitung von Siegfried Köhler (der für den erkrankten Hallenser GMD Klaus Weise eingesprungen ist) meist gleich wieder aufgerieben, zu Klangmasse verarbeitet. Auch die an den Bühnenrändern vorn in Konzertgarderobe postierten Gesangssolisten kämpfen sich mehr durch das Notendickicht, als dass sie mühelos hindurchschritten oder gar darüber hinwegflögen – ausgenommen Raimund Nolte als profunder Donner, Evgenia Grekova als flirrende Woglinde, Ulrike Schneider (Floßhilde), Gerd Vogel (Alberich) und Jürgen Trekel (Fafner).

Dabei ist Atif Husseins Ansatz mit einigem Recht genial zu nennen. Alberich, Freia und Mime werden von Puppen verkörpert. Alberich, der Gnom, Mime, der Zwerg, Freia das zwiefache Handelsobjekt (hier der Lust Fasolts, dort der Habgier Fafners und Wotans): Die Idee ist schlüssig, eben diese „Figuren” im Schachspiel zwischen der dekadenten Göttergemeinschaft und den beiden Riesen auch qua körperlicher Zuschreibung auf die ihnen gegebene Rolle zu fokussieren.

Es entstehen daraus während des gesamten Abends immer wieder Bilder von beklemmender und anrührender Lebhaftigkeit und Sinnlichkeit. Etwa wenn Alberich, der mit seinem blutroten Schädel an ein Alien aus einem Science Fiction-Film gemahnt, auf einer Schaukel wippt und die in flotten Partykleidchen gewandeten und mit Designer-Sonnenbrillen, Marke sechziger Jahre, sich vor ihm, dem hässlichen Wesen, schützenden Rheintöchter zu umgarnen sucht: Die Ironie dieses Augenblicks ist evident, der bitterböse Zwischenton unüberhörbar. Überdies wird eine neue mögliche Charakterdeutung des Nachtalben in die Diskussion geworfen: Ist nicht Alberich nur ein Jedermann, der teilhaben möchte am Spaß der Gesellschaft (hier: der Oberschicht)? Ein Wesen, das mit aller Macht um die Liebe fleht? Und, wenn das nicht geht, zumindest um Zuneigung? Oder wenigstens um Anerkennung? Und gilt nicht, im veränderten Maß, das Gleiche für Freia und für Mime?

Atif Hussein, der selbst „handgreiflich” wird, stellt diese Fragen sprichwörtlich in den einer Villenveranda inklusive Swimmingpool nachempfundenen Raum – mit seinen Figuren. Und er hat in den Puppenspielern Kerstin Daley, Ines Heinrich-Frank, Nils Dreschke, Lars Fank, Uwe Steinbach, Claudia Acker, Gundula Hoffmann und Sylvia Pendzik großartige Mitstreiter.

Fazit: Es gibt Abende, an denen man die Augen nur schließen muss, um zu genießen. Dieser Abend verlangt nach dem Gegenteil. Schaut auf diese Puppen!”

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Das Rheingold

Das Rheingold

ERSTE SZENE
Woglinde, Wellgunde, Flosshilde, Alberich

Auf dem Grunde des Rheines.

Grünliche Dämmerung, nach oben zu lichter, nach unten zu dunkler. Die Höhe ist von wogendem Gewässer erfüllt, das rastlos von rechts nach links zu strömt. Nach der Tiefe zu lösen die Fluten sich in einen immer feineren feuchten Nebel auf, so dass der Raum in Manneshöhe vom Boden auf gänzlich frei vom Wasser zu sein scheint, welches wie in Wolkenzügen über den nächtlichen Grund dahinfliesst. Überall ragen schroffe Felsenriffe aus der Tiefe auf und grenzen den Raum der Bühne ab; der ganze Boden ist in ein wildes Zackengewirr zerspalten, so dass er nirgends vollkommen eben ist und nach allen Seiten hin in dichtester Finsternis tiefere Schlüfte annehmen lässt.

Um ein Riff in der Mitte der Bühne, welches mit seiner schlanken Spitze bis in die dichtere, heller dämmernde Wasserflut hinaufragt, kreist in anmutig schwimmender Bewegung eine der Rheintöchter.

WOGLINDE
Weia! Waga! Woge, du Welle,
walle zur Wiege! Wagalaweia!
Wallala, weiala weia!

http://javanese.imslp.info/files/imglnks/usimg/4/4d/IMSLP34248-PMLP21241-Wagner-WWV86As1vsSch1861.pdf

Das Rheingold

Das Rheingold

ALBERICH:
Stör’ ich eu’r Spiel,
wenn staunend ich still hier steh’?
Tauchtet ihr nieder, mit euch tollte
und neckte der Niblung sich gern!

WOGLINDE:
Mit uns will er spielen?

WELLGUNDE:
Ist ihm das Spott?

ALBERICH:
Wie scheint im Schimmer ihr hell und schön!
Wie gern umschlänge der Schlanken eine mein Arm,
schlüpfte hold sie herab!

FLOSSHILDE:
Nun lach’ ich der Furcht: der Feind ist verliebt!