Der gute Mensch von Sezuan

Der gute Mensch von Sezuan

Der Teppichhändler & seine Frau

Philemon und Baucis

In einem Dorfe voll wohlhabender Einwohner, so erzählt Ovid, lebte ein armes, aber zufriedenes und durch Eintracht und Liebe glückliches Ehepaar, Philemon und Baucis. Zu jenem Dorfe wandelten einst in Menschengestalt Zeus und Hermes, wie bisweilen die Himmlischen thaten, um die Sterblichen zu versuchen. Die Götter klopften an alle Thüren, bittend um Aufnahme für eine Nacht, doch keine öffnete sich. Nur die Aermsten des Orts nahmen die Fremdlinge auf, und trugen willig herbei, was ihre Dürftigkeit vermochte. Dankbar segneten die Götter das frugale Mahl, und immer von Neuem füllte sich von selbst der Weinkrug. Da erkannten die Gatten, daß ihre Gäste Unsterbliche seien, und beteten sie an. Nun offenbarte sich der Gott der Götter gnädig und zürnend zugleich. Er führte die alternden Gatten auf einen Hügel, von dem sie sahen, wie schwellende Wasserfluthen heranbrausten und alle Häuser des Ortes und alle Bewohner verschlangen. Nur die Hütte des gastlichen Paares blieb stehen, und wölbte sich zum säulengetragenen Göttertempel. In diesem ferner den Göttern dienen zu dürfen und dann vereint zu sterben, ist Alles, was Philemon und Baucis erflehen, und gnädig gewährte der Göttervater diese fromme Bitte. Lange Jahre lebten als treue Hüter des Tempels die beiden Treuverbundenen, bis ihnen im hohen Greisenalter das Ende nahte. Aber Keines von beiden sah das Andere sterben, sondern zugleich wurden beide in starke Bäume, Philemon in eine Eiche, Baucis in eine Linde verwandelt, die vor dem Tempeleingang standen; und so umfingen sie einander mit dem Gezweig noch liebend nach der Verwandlung, und es rauschte das Lob der Gottheit durch die flüsternden Blätter.