DER GUTE MENSCH VON SEZUAN

VON BERTOLT BRECHT / MIT MUSIK VON PAUL DESSAU
28. SEPTEMBER 2013 / PREMIERE / DEPOT 2

Der Himmel ist in Aufruhr. Interne Diskussionen um mögliche Fehler bei der Weltschöpfung veranlassen die Götter nach Jahrtausenden endlich, ihr Werk einer Revision zu unterziehen. Drei Abgesandte sollen die Beschaffenheit der Erde überprüfen. Doch selbst der scheinbar niedrigste Qualitätsstandard – ein einziger guter Mensch reicht dem himmlischen Komitee, die Existenz der Welt zu rechtfertigen – erweist sich als zu ambitioniert. Ernüchtert von den Menschen und vom mangelnden Reisekomfort zermürbt, treffen sie in Sezuan auf die junge Prostituierte Shen Te, die als Einzige bereit ist, die hohen Gäste aufzunehmen. Die Götter sind erfreut. Das Ende der Mission scheint nahe. Sie rühmen die Güte des Mädchens, statten es mit einem kleinen Kapital aus, zu verzinsen in guten Taten, und verabschieden sich eilig gen Himmel.
Der Mikrokredit ermöglicht es Shen Te, sich mit einem Tabakladen selbständig zu machen. Ihr bescheidener Wohlstand aber weckt Begehrlichkeiten. Als die Bitten ihrer Mitmenschen zu Forderungen werden und sie ihre Hilfsbereitschaft täglich hemmungsloser missbraucht sieht, erschafft sie sich ein kapitalistisches Alter Ego: einen Vetter Namens Shui Ta, in dessen Gestalt sie ihre eigenen Interessen durchzusetzen vermag. Immer häufiger kommt dieser Vetter zu Besuch, bis Shen Te, von ihrem lieblosen Verlobten Sun geschwängert und verlassen, in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht, ihn schließlich ganz von sich Besitz ergreifen lässt. Befreit von jedem moralischen Anspruch baut Shen Te als Shui Ta ihren kleinen Laden zu einem ausbeuterischen Tabakimperium aus. Je skrupelloser jedoch das Vorgehen ihres erfundenen Vetters, desto schmerzlicher wird die gütige Shen Te von den Menschen in Sezuan vermisst. Sie wittern einen Mord und bringen den Emporkömmling Shui Ta vor Gericht. Den Prozess aber leitet niemand anderes als die drei Götter. In ihrer Verzweiflung entdeckt Shen Te/Shui Ta ihnen das doppelte Spiel: »Gut sein zu anderen und zu mir konnte ich nicht zugleich.«

REGIE MORITZ SOSTMANN / BÜHNE CHRISTIAN BECK / KOSTÜME ELKE VON SIWERS / MUSIKALISCHE LEITUNG PHILIPP PLESSMANN / PUPPENBAU ATIF HUSSEIN • FRANZISKA MÜLLER-HARTMANN / DRAMATURGIE NINA RÜHMEIER

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Interview #3 “Auch wenn es nicht aus bösen Absichten erfolgt, ist es rassistisch”

“Auch wenn es nicht aus bösen Absichten erfolgt, ist es rassistisch”

Voriges Jahr entzog der US-amerikanische Dramatiker Bruce Norris dem Deutschen Theater Berlin die Aufführungsrechte für sein Stück „Clybourne Park“. Anfang 2012 sorgte die Inszenierung des Stückes „Ich bin nicht Rappaport“ am Berliner Schlossparktheater für hitzige Debatten. Ausgangspunkt war in beiden Fällen das Blackfacing von Schauspieler_innen. Till Schmidt sprach mit Atif Hussein von der Initiative Bühnenwatch, die sich für ein Ende rassistischer Praktiken an deutschen Theatern einsetzt.

Megafon – Tübingen

HÖLDERLINHAFEN. DAS MEGAFONSPEKTAKEL

Finale zum Stadtprojekt MEGAFON – TÜBINGEN SCHALLT UND HALLT am LTT.

von Collage von Sandra Hoffmann

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Premiere: 22. Juni 2012

Projektleitung: ­Maria Viktoria Linke und Sandra Hoffmann // Szenographie & Installationen: Atif Hussein // Photographie: Jan Münster // Mitwirkende: das LTT-Ensemble // TERMINE: 22. & 23.06.2012 // 17 Uhr // Ort: im gesamten LTT // mit Hafenkneipe & EM-Übertragung.

Tourismus-Träume eines Bürgermeisters: Tübingen braucht einen Hafen. Hölderlin muss weichen. Der Turm wird Anlegestation, Matrosenkneipe und Sitz der „Hölderlin-Line“. Der Rubel soll rollen, die Bürgerschaft grummelt und grollt. Die Leserbriefhure hat Hochkonjunktur, der Stadtschreier erklimmt die Speaker’s Corner und stiftet ein bisschen Wahnsinn, selbst die Schwäne verdrehen ihre Hälse.

Die ganze Spielzeit hingen wir am Sprachrohr des Bürgers*, gingen hinein in die Stadt und kamen mit Tübingern ins Gespräch. Wer, wie, was ist Tübingen? Wie liest sich die Stadt in Leserbriefzeilen und -versen, und was steht dazwischen?

Wir laden Sie herzlich ein zu unserem großen zweiteiligen Megafon-Spektakel. Der erste Teil ist ein Rundgang durch das gesamte LTT. Im zweiten Teil erleben Sie die Tübingen-Collage von Sandra Hoffmann auf der Bühne des Großen Saals. Lassen Sie sich von uns durch eine Tübingen-Fiktion führen und entdecken Sie dabei Aufgesammeltes, Erkundetes, Erahntes und Behauptetes.

*Sprachrohr des Bürgers: Leserbriefseite des Schwäbischen Tagblatts

Ausschnitte aus der Tübingen-Collage von Sandra Hoffmann:

Dichter // Hören Sie, daraus ergibt sich ganz klar: Ich bin bares Geld! Aus mir müssen Sie etwas machen, mich loben, mich preisen, mich groß machen, wie ich es zu Lebzeiten nicht war. Ich bin da. Ich bin die Attraktion, das Tourismuskonzept schlechthin!

Bürgermeister // Wenn das kein Größenwahnsinn ist!

Dichter // Ich bin weitaus mehr als ein Wahrzeichen wert, ich bin weitaus mehr als einen einzigen Raum in ihrem Stadtmuseum wert, ich habe dieses Haus verdient. Als meines! Ich habe diese Räume verdient! Dichter besiedeln. Sagen Sie immerzu.

Miezi // Ach so. Sie kennen mich ja gar nicht. Ich bin Miezi. Mir gefallen schöne Sätze. Zum Beispiel: Entschuldigen Sie, ich lasse mich doch nicht von Ihnen benutzen! Schöner Satz! Wunderbarer Satz! Ich lasse mich immerzu benutzen! Ich werde bezahlt für meine Schreibdienste, ich werde bezahlt, weil ich eine Datenträgerin in ganz menschlichem Sinne, in ganz modernem Sinne bin. Ghostwriting. Nur so wird man was. Kennen Sie mich? Nein. Ganz genau. Sie kennen mich nicht. Sie kennen meine Straße, sie kennen die Namen meiner Mitbewohnerinnen und Mitbewohner, aber sie kennen nicht unsere Gesichter. Ich bin Miezi. Verstanden. Die Chefin vom Haus und ich kenne mich aus.

Taube // Der Bürgermeister hat sich neulich gegen Rassismus in der Stadt ausgesprochen und für Toleranz. Integration. Etc. Gehören die Tiere auch dazu! Meinen wir! Und immerhin, wer außer uns und dem Hölderlin hat denn noch einen Turm am Neckar, keiner. Wenn der auszieht, sind wir noch da.

Jemand // Ja, und jetzt zahlen wir auch noch Steuern für die Neckar­tieferlegung!

 

Bilder © Jan Münster

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Bilder © Jan Münster

Abwehrreflexe

Werner Buhss, Theaterautor und Übersetzer erstellte Ende der 90er Jahre des 20. Jhd. eine neue deutsche Fassung von Schakespeares “The Tragœdy of Othello, the Moor of Venice”. Er (W.Buhss) gab seiner Übersetzung den Titel “Othello. Venedigs Neger”. Im Text selbst muß er das Wort dann exakt siebenundfünfzigmal benutzen – wahrscheinlich um zögerlichen Zweiflern verständlich zu machen, worum es ihm geht …

Da ich zu den Zweiflern gehöre, fragte ich nach.

Mit einer Anfrage an den Henschel-Verlag am Montag, 30. April 2012 fing es an:

Sehr geehrte Frau Czesienski,

ich habe gerade mit einer Ihrer Kolleg_innen telefoniert, Frau Westermaier. Sie verwies mich mit meiner Frage an Sie. Es geht um die Übersetzung von Shakespeares “Othello” durch Werner Buhss. Diese Fassung wird am 17. Mai im nt in Halle (Saale) zur Premiere kommen. Gibt es eine Erklärung oder Begründung, warum Werner Buhss in Titel und Text ostentativ das (Un)Wort N***r benutzt? Dieses Wort ist durch seine in der Geschichte entstandene Bedeutung in der öffentlichen Kommunikation tabuisiert, in speziellen Fällen sogar inkriminiert. Ich vermute also, eine hinreichende Erklärung für die Verwendung durch Werner Buhss, Ihren Verlag, und die Theater, die diese Fassung spielen (und die damit verbunde Veröffentlichung in Print- und elektronischen Medien) wird es geben. Für eine Antwort wäre ich Ihnen sehr dankbar.

Herzliche Grüße

Atif Hussein

Doch nicht der Verlag antwortete, sondern Herr Buhss selbst.
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Montag, 7.Mai 2012

hallo, herr hussein,

der verlag wird Ihnen auch irgendwas schicken. aber ich finde es besser, wir reden selbst miteinander.

der begriff unwort entstammt der mediengesellschaft. hierzulande wird jedes jahr ein unwort gekürt. ich kann mich nur noch an eins erinnern, schon ein paar jahre her, das hieß: kolateralschäden. ich erinnere einen englischen nato-sprecher und den damaligen deutschen verteidigungsminister, die dieses wort strapazierten. danach war es umgangssprache, in allen möglichen varianten, als witz, ironisch, empört, gelassen. ein wort, einmal in die welt gelassen, ist eigentum der welt, respektive der sprachgruppe, aus der es kommt, und der sprachgruppen, in die es kongruent übersetzt wird.

es gibt keine unworte. man kann in worten achtung und verachtung ausdrücken. das hängt vom sprecher und vom zusammenhang ab. ein wort mag bei dem einen oder dem anderen besondere assoziationen und/oder empfindungen auslösen, die haben aber keine deutungshoheit. die schlimmste worterfindung, die ich kenne, ist untermensch. das hat die generation meines vaters gebraucht. nur, das wort gibt es. unauslöschlich. und es wird, hoffentlich in einem anderen zusammenhang wieder benutzt werden.

lieber herr hussein, sollte ich Ihre gefühle verletzt haben, kann ich erst dann um verzeihung bitten, wenn Sie sich das stück in halle angesehen haben. ich werde bei der premiere anwesend sein. danach stehe ich Ihnen zur verfügung.

hochachtungsvoll

werner buhss

Meine Antwort.
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Dienstag, 8.Mai 2012

Sehr geehrter Herr Buhss,

ich verlangte nicht, dass Sie mich um Verzeihung bitten. Vielmehr erbat ich eine Erklärung, warum Sie in Ihrer “Othello”-Übersetzung das N-Wort benutzen. Einen kurzen Verweis darauf, wie Wörter entstehen und, möglicherweise, durch ihre Verwendung ihre Bedeutung ändern, erachte ich nicht als erhellend.

Zur Premiere am 17. Mai werde ich nicht kommen, da ich an diesem Tag selbst Premiere habe. Im Übrigen befürchte ich, dass dies, selbst, wenn ich zeitlich die Möglichkeit hätte, keine gute Idee ist. Mich wieder und wieder durch Angehörige der weissen Dominanzkultur retraumatisieren zu lassen, kann nicht Sinn meines Lebens sein. Und ich denke, um dieses Thema zu besprechen, muss ich nicht der Gedemütigte sein. Wie könnten wir uns unter derartigen Umständen auf gleicher Augenhöhe begegnen?

Ich bitte Sie also noch einmal um ein Erklärung, denn ich vermute (immer noch), dass es eine gibt.

Hochachtungsvoll

Atif Hussein

 

 

Mit folgender kurzen Mitteilung beschloß Herr Buhss dann das “Gespräch”.

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Dienstag, 8. Mai 2009

sehr geehrter herr hussein,

es gibt eine ganz einfache erklärung: othello ist ein söldner, ein (zugegeben) edelsklave, einen köter, den ein patrizier nicht im haus haben möchte, schon gar nicht als schwiegersohn. weder shakespeare noch ich sind rassistisch, rassismus ist eins der themen des stücks, und vor allem es ist seine atmosphäre, in der sich alle konflikte entfachen.

was Sie mir da unterstellen, verbuche ich einfach als ulk.

tschüs und hochachtungsvoll

werner buhss

Der seltsame Fall des Dr. Jekyll & Mr. Hyde

 

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Der, das Böse und der, das Gute – nah beieinander auf der Puppenspielbühne in Zwickau.

Foto: Theater Plauen Zwickau

Dr. Jekyll und Mr. Hyde – in Zwickau auf der Puppentheaterbühne

erschienen am 30.04.2012 ( Von Ludmila Thiele )

Ein Mörder lässt die Puppen tanzen

Zwickau. Es geht um die Geschichte eines Doppelgängers, um Schizophrenie: Robert Louis Stevensons Novelle “Dr. Jekyll und Mr. Hyde” ist wohl eines der bekanntesten Werke der Weltliteratur, in dem menschliche Abgründe und Kontrollverlust thematisiert werden. Als Theaterstück für Spieler und Puppen kam es nun in Zwickau auf die Bühne – und zwar in einer Fassung, die der Schauspieler Theo Plakoudakis extra fürs Theater Plauen-Zwickau schrieb. Der Schauspieler, der in “Dr. Jekyll und Mr. Hyde” neben den sechs Puppenspielern auf der Bühne steht, ist David Moorbach. Er verkörpert den Mr. Hyde, das extrahierte Böse, das von Dr. Jekyll – durch Experimente an sich selbst – erschaffen wird.

Dabei ist Hyde alles andere als abstoßend. “Er ist eine außergewöhnliche Erscheinung”: So sehen ihn die feinen Herren, die sich ansonsten über Jekylls Thesen von der Trennbarkeit von Gut und Böse mokieren. Dieser Mr. Hyde ist der perfekte Verführer. Als Dandy im Frack wickelt er im Handumdrehen eine versnobt-elitäre Gesellschaft um den Finger und lässt die Puppen – im wörtlichen Sinne des Wortes – tanzen. Riesenapplaus gibt es für den Auftritt und die Choreografie von Emma Harrington, die als Tänzerin dem Zwickauer Ensemble angehört.

Bei alldem sind die Puppen von Regisseur Atif Hussein alles andere als Marionetten. Sie verlangen zwei und mitunter sogar bis zu vier Puppenspieler und sind so naturalistisch, dass der Zuschauer schon allein beim Anblick ins Stauen kommt. Hervorragend ist die Leistung aller Puppenspieler – Detlef Plath, Bernd Häußler, Gundula Hoffmann , Julia Struwe Sophie Bartels und Jonathan Strotbek. Sie sind nicht nur mit Puppenführung und Sprechen beschäftigt, sondern erzeugen mit eigener Mimik und Gestik eine erstaunliche Symbiose zwischen Puppe und Mensch.

Das Stück vermag von der ersten Minute an zu fesseln. Glücklicherweise kommt im “Nebel des Grauens” auch der Humor nicht zu kurz. Eine tragische Liebesgeschichte gehört zu diesem Stück für Erwachsene genauso wie das triebhaft-zügellose Treiben und der Kater danach. Vorgeführt wird die Verführbarkeit von Menschen und deren Faszination am Maßlosen – vor allem am maßlosen Spiel mit der Schöpfung.

Besonders hervorgehoben werden muss auch die exzellente Musikauswahl, die mit einem Stilmix – von Scooter über “Dance with me” bis zu “Maria” und “Freischütz” – auch in tragischen Momenten ein Augenzwinkern erlaubt. Dabei geht der Regisseur Atif Hussein, der zudem für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnet, sehr sorgsam mit der Vorlage um.

Interview mit Michael Thalheimer, Regisseur

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19. April 2012

3sat – Kulturzeit

 

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Michael Thalheimer zur “Blackface”-Debatte

Regisseur Michael Thalheimer hat seine Inszenierung von Dea Lohers “Unschuld” am Deutschen Theater verändert. Aus “Blackfacing” wurde “Whitefacing”. Hannah Kristina Friedrich hat ihn dazu interviewt.

Hannah Kristina Friedrich:

Sie haben jetzt Ihre Inszenierung am Deutschen Theater verändert. Statt Blackfacing, Whitefacing. – Warum?

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Michael Thalheimer:

Das hat einen ganz einfachen Grund. Ich hab mich erst, ich war erst ‘mal über den Vorgang sehr überrascht, daß ein Teil des Publikums, ein spezieller Teil des Publikums, ehm, hauptsächlich schwarze Schauspieler und Künstler, sich angegriffen und provoziert gefühlt haben. Das war nicht der Sinn, ja. Sondern ich berufe mich da ganz einfach auf eine Theatertradition. Nennen wir sie Verfremdung, ja. Der Vorwurf, daß das, ehm, mit Rassismus zusammenhängt, hat mich sehr überrascht, weil ich glaube, daß jeder, der meine Arbeit kennt oder per se auch nur die Arbeit des Deutschen Theaters oder des Theaters überhaupt, ja, die, wenn sie sich einsetzen, ja ausschließlich, oder, äh, dann auch für Randgruppen, sage ich ‘mal, einsetzen, ja. Den Vorwurf zu machen, das hat mich erst sehr überrascht. Aber, in der Diskussion über dieses Thema, ist mir eins bewußt geworden: Wenn -, weil es gibt ja in Amerika dieses … diese andere Tradition, ja, das weiße Schauspieler sich ‘mal schwarz angemalt haben, um … aus rassistischen Gründen, ja, um den Schwarzen auf der Bühne als dummen Menschen darzustellen. Weit entfernt davon ist die Inszenierung „Unschuld“ am Deutschen Theater, ja. Aber ich habe gespürt, daß trotz der Diskussionen und der verschiedenen, ehm, Kunstansätze, ja, die Menschen sich trotzdem verletzt gefühlt haben, ja. Und dann finde ich, hat das Theater oder die Kunst auch eine Chance, da ich die Verletzung nicht möchte.  – Theater soll verletzen! – , aber nicht auf diese Art und Weise. Da ist es mir dann leicht gefallen, ja, zu sagen: Wenn das verletzt, – was ich so nicht möchte – dann ändere ich das. Und da fällt mir dann auch kein Zacken aus der Krone, äh, äh, sondern, ich finde das dann geradezu logisch in der Konsequenz, ja, daß die Kunst dann auch so großzügig sein kann, um das zu ändern, weil es bestimmte Leute in einer ganz bestimmten Art verletzt, die so nicht gemeint ist. Und, wenn das Tatsache ist, dann möchte ich das ändern, weil das nicht gemeint ist.

HKF:

Ist dann … Halten Sie dieses Blackfacing, diese Tradition denn für rassistisch?

MT:

Ehm, so wie wir sie bis anhin in unserer Tradition, äh, benutzen, ja, – und da kann ich bei der Antike anfangen, ja, oder auch bei Shakespeare, daß Frauen auf der Bühne, äh, äh, Frauenrollen durch Männer dargestellt wurden, daß wir, ehm, ehm, Masken, ja, seit Dreitausend Jahren im Theater benutzen, ja … Ehm, auch die Verfremdung bis hin zu Berthold Brecht zu gehen, ja, daß man durch das schwarze anmalen eine Verfremdung herbeischafft, die man banal ausgedrückt auch so nennen könnte, wie: Man entdeckt als Weißer Schauspieler das Schwarze in sich selbst und, daß es nicht auf die Hautfarbe per se ankommt, ja, sondern wie auf das reagiert wird, ja. Das halte ich ja gerade nicht für rassistisch, ja. Aber es hört in dem Moment auf eine Diskussion zu sein, – und ich möchte mich im Theater nie rechtfertigen – wenn eine Grenze überschritten wird, die da heißt: Es verletzt jemanden aus diesem Grund. Weil es natürlich eben auch, ja, eine andere Tradition gibt, wie in der USA. Und darauf habe ich dann doch gerne reagiert und gesagt: Es ist auch … es bleibt künstlerisch wertvoll – und wir haben das ja dann auch gewechselt, äh, von der schwarzen Farbe ganz bewußt zu der übertriebenen weißen Farbe. Ein weißer Schauspieler, der sich noch weißer schminkt, ja. Und ich habe den ähnlichen Effekt auf der Bühne, ja, ohne daß ich diese Gruppe von Menschen verletze. Und das ist mir dann einfach gefallen, diese Entscheidung.

HFK:

Ist es denn wirklich so, daß es keine Schwarzen in Theatern gibt? Also, das ist ja dahin auch noch die anhängliche Diskussion.

MT:

Ehm, ich finde, natürlich sollte das Theater sich das immer wieder ins Bewußtsein rufen, auch die Schauspielschulen, ja, daß wir bei der Ausbildung schon anfangen, ja, sag ich ‘mal, das Spiegelbild der Gesellschaft zu repräsentieren. Und das beginnt in der Ausbildung, in der Schule und später im Studium, ja. Und keine Frage, hat da Deutschland einiges nachzuholen und ist da einiges versäumt worden, ja. Die berühmte „Integrationsdebatte“, ja. Im Moment ist es aber so, ja, daß die Vielzahl an schwarzen Schauspielern, ja, oder an türkischen Schauspielern, oder nennen Sie … nennen wir einfach Schauspieler mit Migrationshintergrund, ja, in den Ensembles nicht zur Verfügung stehen. Und das ist einfach erst ‘mal eine Tatsache, ja. Und ich halte es auch nicht für richtig, ja, nur – und jetzt werde ich etwas polemisch – den schwarzen Schauspieler für ‚Othello‘ zu besetzen, ja. Das halte ich für nicht hilfreich, sondern wenn, müssen wir den Schritt gehen, daß Schauspieler mit Migrationshintergrund, ja, und auch schwarze Schauspieler eben alle Rollen, ja, wie der weiße Schauspieler eben auch auf der Bühne spielen sollte. Erst wenn das, dieser Schritt – irgendwann, in der Zukunft – getan wird, ja, glaube ich, wird es dieses Problem nicht mehr geben.