Martha oder der Markt zu Richmond

Der Gesang der Puppen

28.03.2004
Singende Zuschauer und menschliche Puppen

Singende Zuschauer und menschliche Puppen: Roswitha Müller, Uwe Steinbach, Romelia Lichtenstein und Nils Dreschke (v. l.) (MZ-Foto: Beyer))

Von Andreas Hillger
Es fängt damit an, dass die Oper nicht anfängt – obwohl sie diesmal doch im außergewöhnlich prächtigen Rahmen erklingen soll. Blütenweiß spreizen sich die Gäste in nagelneuen Proszeniums-Logen, golden glänzt das Portal um den roten Vorhang – doch dahinter gähnt schwarz die Bühne. Weil Regisseure samt Solisten und Kulissen gekündigt haben, weil der Intendant hinter verschlossener Tür den Zorn der Hausherrin aussitzt und die Puppenspieler als Prügelknaben vorschickt, bleibt am Ende dieses verschleppten Auftakts nur eine Liebhaber-Aufführung von Flotows “Martha”. Aber was für eine!

Halle/MZ. 

Die Bravi übertönten am Freitag im Opernhaus Halle fast mühelos die Buh-Rufer – und feierten eine Inszenierung, die ihre Mittel nicht fraglos voraussetzt. In der vielfach erprobten und verfeinerten Methode des halleschen Puppentheaters, das die Verabredungen mit seinem Publikum immer wieder sinnstiftend in Frage stellt, musste sich nun auch ein Repertoire-Klassiker des Opern-Betriebs seine Wahrheit neu erobern. Dass er dabei unverhoffte Einsichten preisgab, lag vor allem am virtuosen Umgang mit verschiedenen Erzähl-Ebenen.

Den üblichen Dualismus von Puppe und Spieler erweitern die Regisseure Christoph Werner und Marco Misgaiski hier nämlich um jene Stimmen, die sich nur widerwillig in das Geschehen ziehen lassen. Während Romelia Lichtenstein und Roswitha Müller ihre Ehrenplätze von vornherein gegen die Partien der Martha und Nancy tauschen, verschmähen Jürgen Trekel und Tommaso Randazzo ihr Rollenspiel – und müssen sich derbe Karikaturen gefallen lassen. Erst als die standfeste Basstrommel Plumkett und die schmachtende Tenorflöte Lyonel in Gestalt von Uwe Steinbach und Nils Dreschke den Damen zu nahe kommen, verweigern sie ihre Stimme – und finden in den eifersüchtigen Puppenspielerinnen Margit Hallmann und Anne-Katrin Klatt hilfreiche Furien.

Das klingt gewiss kompliziert, wird aber durch einen Prolog etabliert und konsequent inszeniert. Ein erstaunliches Resultat freilich ist, dass die banale Handlung in den Hintergrund tritt – und das Ungesungene zum Vorschein kommt. Das Team jongliert mit den Gefühlen der Hingabe und Verweigerung – und kommt eben so dem ernsten Thema des heiteren Librettos nah, selbst wenn er ein intimes Duett durch einen stummen Dritten stört oder einen ganzen Chor in zwei Kehlen zwingt. Dass die Puppen zudem längst jene Stimmen ihres Gefühls hören, die ihre menschlichen Pendants mit Macht übertönen, versteht sich von selbst.

Gewiss betrübt und betrügt ein solches Gedanken-Spiel all jene, die sich ihre romantische Erwartung nicht durch eine Leinwand mit einigen Kinder-Kritzeleien und der Aufschrift “Wald” ersetzen lassen wollen. Dass es auch die Interpreten in ungewohnter Weise fordert, zeigte nicht zuletzt Harald Knauffs Dirigat, das immer wieder Tempo und Textverständlichkeit hemmte. Dass die halleschen Puppenspieler die ehrwürdige Kunst des großen Nachbarn aber liebevoll parodieren, um am Ende dem rampensüchtigen Chor die Bühne zu überlassen, ist auch Zeichen des Respekts.

Zu erleben ist hier nämlich kein selbstsüchtiges Konzept – sondern eine Lesart, die das Herz dem Gesang und das Hirn dem Gesehenen öffnet. Und damit beantwortet die Inszenierung, die alle Solisten in ihrer besten Form präsentiert, auch die Frage nach dem wirklichen Kapital des Theaters. Es liegt im Kopf, nicht in den Kassen.

Bild

Bild

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s