Interview #1

Beschreiben Sie doch bitte Ihre Arbeit für den „Sturm“.

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Die Zusammenarbeit für den „Sturm“ entstand aus den Wünschen des Puppentheater der Stadt Halle mit Gastregisseuren eine ‘große’ Theaterproduktion entstehen zu lassen und aus den Wünschen der Regisseure ein Stück mit Puppen und Menschen zu inszenieren und mit einem (für Puppentheaterverhältnisse) großen Ensemble und sehr professionellen, im Ensemblespiel erprobten Darstellern zu arbeiten. Die Koproduktion mit Köln ist eine wundervolle Folge der Besetzungspolitik.

Da die Entscheidung für die Zusammenarbeit mit Tschirner/Weise über ein Jahr vor Probenbeginn fiel, das Konzept der beiden Regisseure sehr früh stand und es zwischen uns eine sehr große Vertrautheit durch die vielen gemeinsamen Projekte gab, ließ sich auch schnell eine gemeinsame Sprache für diese Arbeit finden.

Beiden waren andere Puppenausstattungen von mir bekannt, so dass es keine Verständigungsschwierigkeiten über den Stil der Puppen, über die Ästhetik oder anders, über ihren „Look“ gab. Mein „Stil“ war in diesem Sinne die Voraussetzung für die Gestaltung der Puppen. Für verschiedene technische Besonderheiten, die den Körperbau der Puppen betreffen, holten wir uns den Berliner Puppenbauer Ingo Mewes mit ins Boot, der den beiden Regisseuren ebenfalls durch verschiedene Zusammenarbeiten bekannt war. Alles, was nicht als Voraussetzung vorhanden war, wurde durch viel Reden, endloses Bilder anschauen, und die bei Theaterleuten übliche „emotionale“ Kommunikation entwickelt. Am Ende lässt sich manchmal nicht ermitteln, welche Idee von wem stammte und es interessiert auch niemanden mehr.

Da die Textfassung, nach der Tschirner/Weise inszenieren wollten, auch sehr früh im „Großen und Ganzen“ feststand, war sehr schnell klar, welche Spielweise angestrebt wird, wieviele Puppen, wieviele Spieler es geben wird und ähnliches mehr. Diesen Parametern unterwirft sich dann vieles, was den Puppenbau betrifft, so zum Beispiel die Größe der Puppen, die Puppenführungstechnik ( Marionetten, Stabpuppen, Handpuppen etc.) oder eben diese sogenannten Ganzkörperpuppen, deren Köpfe von innen und deren Körper und Gliedmaßen direkt von außen geführt werden. Im Vergleich zu Marionetten mit ihren Fäden ist dieser direkte Zugriff eine wesentliche Voraussetzung für die Kraft und die Dynamik der Puppen.

Entwerfen Sie gemeinsam mit den Regisseuren die Charaktere der Puppen oder entstehen diese dann erst im Spiel?

Bei dieser Produktion haben wir uns ziemlich detailliert über die Charaktere der einzelnen Puppen unterhalten und was dies für ihr Aussehen bedeutet. So haben wir zum Beispiel festgelegt, ob eine Puppe dick oder dünn, groß oder klein, alt oder jung ist. In die Gestaltung des Gesichtes greifen Regisseure normalerweise nicht ein, nur in so fern werden Wünsche geäußert, dass der Ausdruck einer Puppe diese oder jene Grundhaltung der entstehenden Figur bereits von vorn herein widerspiegelt.

Wie erklären Sie es sich, dass man als Zuschauer nach relativ kurzer Zeit die Puppen als eigenständige Wesen wahrnimmt? Wie kommt es, dass es so scheint, dass die Puppen ihre Mimik ändern?

Ansonsten gilt mein Credo: Es ist bedeutsam für das Wunder der Animation, Dinge zu erschaffen, die in den Händen der Puppenspieler die Ambivalenz der Figur erkennen lassen und der Projektion der Zuschauer standhalten. Das heißt, ich muss beim Gestalten der Puppen trotz eines unveränderlichen Aussehens sowohl dem Darsteller, als auch dem Regisseur und damit dann auch dem Zuschauer die Möglichkeit geben, unterschiedliche Haltungen, die während der Gestaltung der Rolle und dann während der Vorstellung entwickelt werden, auch glaubhaft in der Puppe wiederzufinden. Das beantwortet sicherlich auch die Frage, warum es so erscheint, dass Puppen ihre Mimik ändern. Je nachdem, was in den Gesichtern zu finden ist und was die Puppenspieler durch die Art, wie sie eine Puppe bewegen (Kraft, Dynamik, Gangarten, usw.), welche Stimmen sie ihnen leihen, welchen Sprechgestus sie erfinden und wie facettenreich sie eine Rolle gestalten und das dann alles durch die Puppe „schicken“, um so verblüffender wird die Wirkung sein und bei einem Betrachter den Eindruck erwecken, die Puppen lebten und seien wie Menschen in ihren Möglichkeiten etwas auszudrücken nahezu uneingeschränkt. Es ist nicht unwichtig zu wissen, dass ein Teil dieses „Wunders der Animation“ auch durch den Zuschauer entsteht. Unsere Sehgewohnheiten, unser Vermögen, Gesehenes zu deuten, einzuordnen und der naive Wunsch, sich verzaubern zu lassen oder anders, das Einhalten der Verabredung, dass mir im Theater etwas „vorgespielt“ wird, und das auch so sein soll, ermöglicht in erheblichem Maß diese Theaterform.

Wie ist die zeitliche Reihenfolge? Entstehen die Puppen parallel zur Arbeit oder sind sie zu Probenbeginn bereits einsatzfähig? Gibt es während den Proben noch Veränderungen?

Die Puppen werden normalerweise vor Beginn der Proben vorbereitet, so dass die Darsteller ihr Instrument, bevor sie anfangen zu proben, in den Händen halten.

Änderungen sind selbstverständlich nie ausgeschlossen, können aber, was die Puppen betrifft, zu so einschneidenden Veränderungen führen, dass meistens davon abgesehen wird und wenn alles gut vorbereitet ist, dann werden Änderungen an den Puppen häufig nur in bezug auf ihr Kostüm oder die Haarfarbe unternommen.

Work in progress ist bei dieser Art von Puppen sehr schwer zu realisieren, da sie in ihrer Herstellung sehr aufwändig sind. Die Anfertigung einer solchen Puppe kann bis zu 14 Tagen dauern. Im „Sturm“ haben wir neun Puppen. Sie können sich also leicht ausrechnen, wie lang der Vorlauf für einen Puppenbauer eigentlich sein müsste. Diese Zeit bekommt man von einem Regisseur eigentlich so gut wie nie. Aber im Falle dieser Produktion, ging es moderat zu.

 

Reisen die Puppen mit Ersatzteilen?

Normalerweise reisen die Puppen nicht mit Ersatzteilen. Die meisten Dinge gehen während des Probenprozesses kaputt, so dass durchaus die Hoffnung besteht, dass zum Ende dieses Prozesses alles, was während des Spiels kaputtgehen kann, einmal kaputt gegangen ist. Die Beanspruchung der Puppen während der Vorstellung ist bedeutend geringer als während der Proben. Aber alle paar Wochen müssen sie „gewartet“ werden. Das Meiste sind jedoch Schönheitsoperationen: Frisuren, Kostüme und hier und da ein bisschen Farbe.

Haben Sie bei der Premiere für Ihre Puppen Lampenfieber?

Lampenfieber kenne ich nicht. Sollte allerdings während der Premiere oder einer anderen Vorstellung etwas Unerwartetes geschehen, dann kann es schon zu einem deutlichen Anstieg der Herzschlagfrequenz führen. Hinzu kommt, dass man gewöhnlicher Weise während einer Aufführung nicht die Möglichkeit hat, von „außen“ einzugreifen. Da kann man nur auf die Gelassenheit der Spieler und deren Professionalität vertrauen.

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